Nachricht aus Rojava von „Women Defend Rojava“(aktuallisiert am 29. Mai 2026)
erstellt von: Kiumarz Naghipour am: 13.05.2026
Nachricht aus Rojava20260529:
Liebe Freund:innen,
wir melden uns aus Rojava, dem Herzen der Frauenrevolution.
Rojava ist eine Region in Nordostsyrien, in der 2012 eine sozialistisch-demokratische Revolution ausgerufen wurde. Die Menschen hier organisieren sich nach dem Gesellschafts- und Verwaltungsmodell des Demokratischen Konföderalismus. Dieses Konzept wurde von Abdullah Öcalan, dem Repräsentanten der Freiheitsbewegung in Kurdistan, entwickelt.
Nach diesem Modell organisieren sich die Menschen basisdemokratisch in Räten, Komitees, Kommunen und Frauenstrukturen. Die Befreiung der Frauen ist nach der Philosophie „Jin, Jiyan, Azadî“ eine zentrale Säule einer demokratischen Gesellschaft.
Eid al-Adha
Ganz Rojava ist in diesen Tagen auf den Beinen und in den Vorbereitungen für das muslimische Opferfest Eid al-Adha (ku. Cejna Qurbanê). Das Fest dauert vier Tage und erinnert an die Bereitschaft des Stammvaters Abraham, einen seiner Söhne zu opfern, um Gott seinen Glauben zu beweisen.
Häuser werden geputzt, Süßigkeiten für die Kinder gekauft, Gebäck vorbereitet und letzte Einkäufe getätigt. Alles wird vorbereitet, um Besuch zu empfangen. Dieses Jahr beginnt der Eid am Abend des 26 Mai.
Der Tag beginnt früh am Morgen mit dem Waschen, dem Anlegen festlicher Kleidung und dem Besuch der Moschee für das gemeinsame Morgengebet. Nach dem Gebet wird das Opfertier (meist ein Schaf, eine Ziege oder ein Rind) geschlachtet. Das Fleisch wird traditionell in drei Teile aufgeteilt: ein Teil für die eigene Familie, einer für Verwandte und Nachbar:innen und ein Teil für Bedürftige. Die restliche Zeit stehen das Beisammensein, die Gemeinschaftlichkeit sowie die Besuche bei Nachbar:innen, Freund:innen und Familien im Vordergrund.
In Rojava besuchen viele Familien am ersten Abend die Gefallenenfriedhöfe, um der Gefallenen zu gedenken. Familien, Freund:innen und die Bevölkerung sitzen an den Gräbern, zünden Kerzen oder Räucherstäbchen an und gedenken gemeinsam der Gefallenen aus dem Kampf gegen den IS.
Die KCK (Koma Civakên Kurdistan, Union der Gemeinschaften Kurdistans) ruft zum Opferfest die gesamte Gesellschaft zu gesellschaftlicher Solidarität, demokratischer Organisierung und der Stärkung der kurdischen Einheit auf.
Die KCK erklärte, das Opferfest erinnere an den Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung und müsse deshalb auch in der Gegenwart mit einem Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung verbunden werden. „Gegen Unterdrückung und Leugnung Haltung zu zeigen, gehört zum historischen Gedächtnis dieses Feiertages.“ Die Erklärung ruft dazu auf, sich gegen gesellschaftliche Spaltung, Diskriminierung und Konflikte zwischen Bevölkerungs- und Glaubensgruppen zu stellen.
Ernennung des syrischen Volksrates (Parlament)
In ganz Rojava protestieren Parteien, Gefallenenfamilienräte, lokale Räte, zivilgesellschaftliche Organisationen sowie politische Gruppen gegen das Vorgehen der syrischen Übergangsregierung bei der Ernennung des neuen syrischen Volksrates, der das neue Parlament darstellen soll.
Der neue Volksrat soll insgesamt aus 210 Mitgliedern bestehen. 70 Sitze werden direkt durch die Übergangsregierung vergeben. Die Wahlen fanden in Wahlkomitees statt, die ebenfalls durch die Ernennung von Personen zusammengesetzt wurden. Damit wurden die Mitglieder des Volksrates nicht demokratisch gewählt. Außerdem war vielen Menschen in der Bevölkerung der Wahlvorgang weder bekannt noch transparent.
In einem Statement von 21 Parteien und Organisationen heißt es:
„Wir haben bereits deutlich gemacht, dass wir uns an diesem Prozess nicht beteiligen werden. Dieses Vorgehen des Wahlmechanismus spiegelt weder den Willen des kurdischen Volkes noch den der Bevölkerungsgruppen der Region wider und bildet keine Grundlage für einen echten demokratischen politischen Prozess.
Ebenso beweist die fortgesetzte Arbeit mit Ausnahmegesetzen und Sonderregelungen dies, allerdings mit neuen Mitteln und Mechanismen, die versuchen, dem politischen Prozess ein scheinbar legitimes Gesicht zu geben, obwohl ihnen die Legitimität und Akzeptanz durch das Volk fehlen.“
Sie kritisieren außerdem die Ernennung von Personen in die Wahlkomitees sowie die Ernennung des Vertreters der Region Serêkaniyê.
Doch das Geschehene hat einmal mehr die Strategie der Ausgrenzung und Marginalisierung offenbart, die durch die selektive Ernennung einiger weniger Personen umgesetzt wurde. Dies widerspricht den grundlegendsten Prinzipien von Demokratie, Gerechtigkeit und echter nationaler Partnerschaft.
In Hesekê zeigen die Ergebnisse dieses Vorgehens, dass christliche Gemeinschaften nicht mehr repräsentiert sind, was sich erheblich auf die politische und demografische Vielfalt der Region auswirkt.
Auch die Partei der armenischen Einheit hat keinen Sitz im Volksrat erhalten. Dies bedeutet eine weitere Schwächung der politischen Repräsentation in Syrien.
Straßenumbenennung in Homs
Die Aktivistin Hanin Khalifa bekräftigte, dass Syrien in seiner langen Geschichte stets als offener Raum für alle Kulturen und Konfessionen bekannt war. Die gegenwärtige Regierung versuche jedoch, eine monolithische und ausgrenzende Vision durchzusetzen, sei es durch Lehrpläne oder durch die Umbenennung von Straßen und öffentlichen Symbolen.
Sie erklärte, die wiederholten Änderungen von Straßennamen und historischen Wahrzeichen seien keine bloßen Verwaltungsentscheidungen, sondern transportierten politische und ideologische Botschaften, die auf die Etablierung eines rigiden religiösen Diskurses abzielten.
Die Umbenennung einer Straße, die den Namen von Sultan Pascha al-Atrash trug – einem der bedeutendsten Anführer der Großen Syrischen Revolution gegen den französischen Kolonialismus –, sei ein Versuch, die Geschichte der Drus:innen auszulöschen, sagt Hanin Khalifa.
„Die vorgeschlagene Verfassung bekräftigt Ausgrenzung und Marginalisierung“, sagte sie, da jedes politische Projekt, das nicht auf nationaler Partnerschaft und Respekt vor Pluralismus beruhe, nicht in der Lage sei, echte Stabilität im Land zu schaffen.
Umbenennung der Schulen wird abgelehnt
Die Übergangsregierung schickte letzte Woche Listen mit neuen Namen für Schulen an das lokale Bildungskomitee in Qamişlo.
Die Schulen in Rojava sind nach Gefallenen benannt, die gegen den IS gekämpft haben, und sollen deren Ehrung und Erinnerung bewahren, indem ihr Mut und ihre Ideen weitergetragen werden.
Die „Şehîd-Diyar“-Schule soll künftig den Namen „Esed El-Dîn Şêrko“ tragen. Für die „Şehîd-Ferhad-Kat“-Schule wurde erneut der frühere Name „Hitin“ vorgeschlagen, der bereits während der Baath-Herrschaft verwendet worden war.
Das Bildungskomitee, die Schüler:innen und die Lehrer:innen lehnen diese Vorschläge vehement ab und haben eine Antwort an Damaskus gesendet.
Vermehrt finden in ganz Nordsyrien Proteste gegen die von der Führung in Damaskus auferlegte Umbenennung von Bildungseinrichtungen statt.
Treffen von 2000 kurdischen und arabischen Frauen in Kobanê
Mitte Mai haben sich in Kobanê 2000 Frauen unter dem Motto „Mit dem Willen freier Frauen werden wir ein demokratisches Syrien aufbauen“ getroffen. Arabische und kurdische Frauen haben einen Tag lang über Fragen der politischen Teilhabe, rechtliche Garantien für ihre Errungenschaften sowie ihre Rolle in der zukünftigen Staatsordnung Syriens beraten.
Teilgenommen haben sowohl Frauen aus der Gesellschaft, Friedensmütter, Mitglieder von Frauenorganisationen, Angehörige von Gefallenen als auch YPJ-Kämpferinnen.
Ein viel diskutiertes Thema war die rechtliche Absicherung der zahlreichen Errungenschaften der Frauenbewegung in Nord- und Ostsyrien in der neuen Verfassung Syriens. Unter anderem forderten die Teilnehmerinnen, die YPJ offiziell als legitime Schutzkraft der Gesellschaft anzuerkennen.
Außerdem machten die Teilnehmerinnen in Gesprächen und Redebeiträgen immer wieder deutlich, wie wichtig die politische Teilhabe von Frauen in allen Entscheidungsstrukturen Syriens ist. „In der neuen syrischen Ordnung dürfen Frauen nicht erneut an den Rand gedrängt werden“, erklärte Ilham Ehmed, die Ko-Außenbeauftragte der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens.
Das Treffen war auch deshalb sehr wichtig, weil arabische und kurdische Frauen gemeinsam über Perspektiven diskutiert haben. Damit haben sie sich aktiv gegen die von der Übergangsregierung geförderte Spaltung zwischen arabischer und kurdischer Gesellschaft gestellt.
Sechste Rückkehrgruppe bricht nach Afrin auf
In der letzten Woche ist ein weiterer Konvoi vertriebener Familien von Qamişlo und Dêrik aus Richtung Afrin aufgebrochen. Dieses Mal haben sich rund 1000 Familien – viele bereits am Abend zuvor – mit ihrem Hab und Gut am jeweiligen Rand der beiden Städte getroffen, um am frühen Morgen gemeinsam in ihre Heimat aufzubrechen.
Es ist mittlerweile die sechste Rückkehrgruppe, seit die Rückkehr im Waffenstillstandsabkommen vom 29. Januar zwischen der Übergangsregierung und der Selbstverwaltung vereinbart wurde.
Als im März dieses Jahres die erste Gruppe zurückkehrte, gingen emotionale Bilder um die Welt, als vertriebene Familien zum ersten Mal wieder den Boden Afrins betreten konnten.
Die Familien waren 2018 aus Afrin geflohen, als die Türkei gemeinsam mit dschihadistischen Milizen die Stadt und Region besetzt hatte. Die türkische Besatzungsmacht verfolgte seitdem neben einer klassischen Kolonialpolitik auch eine Politik der ethnischen Säuberung. Mehr als 400.000 Menschen wurden aus ihren Dörfern und aus der Stadt Afrin vertrieben.
Seitdem mussten die Familien aufgrund des andauernden Kriegsgeschehens in Nord- und Ostsyrien immer wieder erneut fliehen. Viele haben auf ihrer Flucht in bis zu sechs verschiedenen Städten gelebt, oft in Flüchtlingslagern oder provisorisch in Schulen.
Weitere Konvois sind geplant, denn noch längst nicht alle Vertriebenen konnten bisher zurückkehren. Auch Vertriebene aus Serêkaniyê, das 2019 von der Türkei besetzt wurde, warten auf ihre Rückkehr. Darüber wird weiterhin zwischen der Selbstverwaltung und der Übergangsregierung verhandelt.
Und damit wünschen wir revolutionäre Grüße aus Rojava.
Nachricht aus Rojava20260513:
Liebe Freund:innen,
wir melden uns mit einem wöchentlichen Update aus Rojava, dem Herzen der Frauenrevolution.
Rojava liegt in Nord- und Ostsyrien. Seit 2013 leben die Menschen hier eine Revolution und organisieren sich in Kommunen, Räten und Frauenstrukturen. Sie bauen das Gesellschaftsmodell des demokratischen Konföderalismus auf.
Das Konzept des demokratischen Konföderalismus wurde von Abdullah Öcalan, dem Präsidenten der Freiheitsbewegung Kurdistans, entwickelt. Der Begriff bezeichnet ein basisdemokratisches Verwaltungssystem, das nicht staatlich kontrolliert wird, sondern Demokratie aus der Gesellschaft heraus aufbaut. Eine wichtige Säule dieser Gesellschaftsform ist die Selbstbestimmung und Befreiung der Frau.
Familiengesetz ehemals Frauengesetz
Ein großes Thema, welches die Gesellschaft momentan sehr beschäftigt und das gerade in den Verhandlungen zwischen der syrischen Übergangsregierung und der Autonomen Selbstverwaltung diskutiert wird, ist die Frage von Justiz und Gerechtigkeit.
Die Autonome Selbstverwaltung hat ihr eigenes Justizsystem, welches unter anderem ein Frauen- bzw. Familiengesetz beinhaltet.
Das Frauengesetz wurde 2014 beschlossen und schreibt die Rechte von Frauen und Kindern fest. Es beinhaltet 30 Prinzipien und basiert auf einem Bewusstsein für den Aufbau einer demokratischen, ökologischen Gesellschaft auf Grundlage der Frauenbefreiung.
Wir müssen uns das so vorstellen, dass im Zentrum der Gesellschaft nicht das Individuum steht, sondern die Gemeinschaft. Diese Herangehensweise ist in einer kapitalistischen Gesellschaft kaum vorstellbar und kann nur mit einer hohen Moral und Ethik funktionieren.
Die Vorsitzende des Frauenausschusses, Emîne Omer, beschreibt den Beginn ihrer Arbeit mit den Worten:
„Zu Anfang waren wir nur wenige Frauen, die bereit waren, die Last der Verantwortung auf sich zu nehmen. Wir hatten noch nicht einmal eigene Räume, aber wir haben uns mit großer Freude an die Arbeit gemacht. Um die Gewalt gegen Frauen zu stoppen, haben wir als Erstes Frauenzentren, ‚Mala Jin‘, Frauenberatungs- und Solidaritätszentren für rechtliche und soziale Probleme von Frauen, aufgebaut.“
Prinzipien
Die 30 Prinzipien schaffen eine gesetzliche Grundlage, die politische Rechte durch den Ko-Vorsitz sowie autonome Frauenorganisierung sichert.
Das Gesetz beinhaltet die gleiche Entlohnung von Männern und Frauen sowie ein Verbot jeglicher Form von Sexismus und Gewalt gegen Frauen. Es wurde zur Pflicht aller erklärt, gegen herrschende und rückschrittliche Einstellungen anzukämpfen.
Gewalt, die durch islamisches Gewohnheitsrecht legitimiert wird – wie beispielsweise die Verheiratung Minderjähriger, gegen den Willen von Frauen arrangierte Ehen, polygame Ehen von Männern, das einseitige Scheidungsrecht der Männer oder die Ungleichbehandlung von Frauen bei der Verteilung des Familienerbes oder bei Zeugenaussagen vor Gericht – ist verboten.
Täter sogenannter „Ehrenmorde“ erhalten keine „straferleichternden Umstände“ mehr zugesprochen – wie es im syrischen Strafrecht der Fall ist –, sondern werden entsprechend der allgemeinen Gesetzgebung für Mord bestraft. Das „Brautgeld“ wird abgeschafft, da es Frauen zur Ware macht. Bei Gerichtsverfahren, die die privaten Rechte von Frauen und das Familienrecht betreffen, muss eine Vertreterin von Fraueneinrichtungen in beratender Funktion anwesend sein.
Diese Errungenschaft der Frauenrevolution ist nun akut bedroht. Die syrische Übergangsregierung lehnt das Frauengesetz, das seit 2021 Familiengesetz genannt wird, ab und prüft derzeit, welche Gerichtsurteile die Justiz der Autonomen Selbstverwaltung in den letzten zwölf Jahren gefällt hat und ob diese dem syrischen Gesetz entsprechen.
Verhandlungen
Betrachten wir die bisherigen Entwicklungen der Verhandlungen, können wir feststellen, dass die Übergangsregierung bislang keine Frauenrechte sichert.
Das Ko-Vorsitzenden-System wird nicht fortgeführt, Frauen sind nicht in den Verwaltungsämtern vertreten, und auch die YPJ als Frauenverteidigungseinheit soll nicht anerkannt werden.
Nach den neuesten Angaben von Mazlum Abdi, dem Ko-Vorsitzenden der Autonomen Selbstverwaltung, sollen nun Listen erstellt werden, die zumindest die Arbeitsplätze der Richter aus Rojava sichern sollen. Diese sollen von der Übergangsregierung anerkannt werden.
Außerdem plant die syrische Übergangsregierung, dass alle Menschen, die im Justizsystem arbeiten, einen entsprechenden Abschluss benötigen. Das bedeutet, dass viele Personen ihre Arbeit verlieren könnten, obwohl sie durch praktische Einarbeitung und langjährige Erfahrung qualifiziert sind.
Kurdische Sprache
Ein weiteres Thema, das sehr präsent im Alltag ist, sind die Verhandlungen um die Anerkennung der kurdischen Sprache sowie aller Minderheitensprachen.
Zuletzt hatte die syrische Übergangsregierung das Schild der Justiz in Hesekê, welches auf Arabisch und Kurdisch beschriftet war, ausgetauscht.
Das neue Schild enthielt nur noch die Arabische und Englische Sprache.
Dieser Akt der schleichenden Verdrängung und Ersetzung zeigt die wahre Mentalität des Staates. Anwaltskammern werfen Damaskus die Marginalisierung der kurdischen Sprache vor.
Tausende Menschen versammelten sich vor den Justizgebäuden in Hesekê und Qamişlo und protestierten gegen die Ablehnung kultureller und sprachlicher Rechte der Kurd in Syrien. Sie verurteilten die Entfernung kurdischer Schriftzüge.
Nach letzten Angaben von Mazlum Abdi soll das neue Schild nur vorübergehend hängen bleiben und in anderen Städten wieder arabisch-kurdische Beschilderungen angebracht werden.
In den Städten Dêrik und Tirbespiyê gingen Hunderte Schüler, Lehrkräfte und Einwohner für die Anerkennung der kurdischen Sprache in Syrien auf die Straße.
Die Demonstrierenden forderten, dass Kurdisch in einer neuen syrischen Verfassung als offizielle Muttersprache anerkannt und Bildungsrechte dauerhaft abgesichert werden.
Die Teilnehmenden trugen Transparente mit Aufschriften wie:
„Unsere Sprache ist unsere Identität“,
„Sprache ist eine rote Linie – wer sie ignoriert, verliert seine Legitimität“
sowie
„Jedes kurdische Wort ist eine Geschichte“.
Während des Marsches wurden immer wieder Parolen wie „Bê ziman jiyan nabe“ („Ohne Sprache kein Leben“) gerufen.
Auch die Rojava-Universität stellt dieselben Forderungen. Mit einem Protestzug durch Qamişlo forderten Studierende und Lehrkräfte der Universität die offizielle Anerkennung der kurdischen Sprache in Syrien.
Gefangenenaustausch
In den letzten Tagen waren in Qamishlo und Heseke viele Schüsse zu hören und Feuerwerk zu sehen. Die Schüsse gelten als Freudenschüsse, mit denen die freigelassenen Geiseln aus der Gefangenschaft der syrischen Übergangsregierung in den Städten empfangen wurden.
Insgesamt wurden 232 Personen freigelassen, darunter Sicherheitskräfte der Autonomen Selbstverwaltung und Zivilist.
Familienangehörige und Freund sind erleichtert. Seit Monaten, manche sogar seit Jahren, lebten sie in ständiger Ungewissheit darüber, ob ihre Kinder unter den Geiseln sind, ob sie noch leben, wie es ihnen geht und wie sehr sie gefoltert werden.
Seit der Offensive im Januar galten rund 4.000 Menschen als vermisst. 1.032 wurden mittlerweile freigelassen. Die übrigen Menschen gelten weiterhin als vermisst oder als gefangen gehalten.
Wöchentlich geht die Gesellschaft auf die Straße und demonstriert für die Freilassung ihrer Kinder. Diese Demonstrationen sind sehr kraftvoll. Sie werden von der Gesellschaft selbst organisiert und bringen Trauer und Wut zum Ausdruck.
Şehîd Mizgîn
Am 11. Mai wurde in ganz Kurdistan und weltweit der Vorkämpferin Şehîd Hozan Mizgîn gedacht.
Hozan Mizgîn wurde mit ihrem Leben, ihrem Kampf und ihrem Widerstand zum Symbol der Märtyrerinnen der Kultur- und Kunstbewegung. Sie wurde zur Stimme der kurdischen Wahrheit.
1980 schloss sie sich dem Freiheitskampf Kurdistans an. Sie unterstützte die Ideen des kurdischen Volksführers Abdullah Öcalan von ganzem Herzen und reiste in den Libanon, um ihn zu treffen.
Tûrêj Roj, der in der kurdischen Kulturkommune Tev-Çand aktiv ist, beschreibt sie als eine Persönlichkeit, „mit deren Stimme wir seit unserer Kindheit aufgewachsen sind“.
„Sie war nicht nur eine Künstlerin, sondern zugleich eine Kommandantin, die in den Bergen eine führende Rolle einnahm“, sagt er.
Als eine der ersten Frauen führte sie den Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen im Mittleren Osten öffentlich. Sie spielte als eine von wenigen Frauen Musikinstrumente und sang öffentlich auf Kurdisch. Sie war Vorreiterin einer Kunst gegen die Assimilierung durch den türkischen Staat.
Das Spielen von Musikinstrumenten und das Singen auf Kurdisch waren in der Türkei insbesondere für Frauen verboten. Auch heute gibt es noch Repressionen gegen die kurdische Sprache.
Genossin Mizgîn sagte einst:
„Ich werde niemals meine Kleidung oder meine kurdische Kultur aufgeben. Ich werde niemals etwas tun, was mein Volk beunruhigen würde, noch werde ich mich solchen Dingen annähern.“
Hozan Mizgîn spielte eine zentrale Rolle beim Schutz der kurdischen Sprache und Kultur gegen staatliche Assimilationspolitik. Sie arbeitete nicht nur künstlerisch, sondern wirkte zugleich am Aufbau kultureller Strukturen wie Koma Berxwedan mit.
Sie prägte einen Kunst- und Musikstil für ganz Kurdistan. Sie besaß die revolutionäre Fähigkeit, aus dem Nichts etwas erschaffen zu können.
„Besonders ihre Stimme hat bis heute eine tiefe Wirkung auf viele Menschen“, sagt Tûrêj Roj.
„Wenn ich ihre Stimme heute höre, erkenne ich darin das Geheimnis von Revolution und Freiheit. Diese Stimme trägt den Schmerz, die Hoffnung und die Geschichte unseres Volkes in sich.“
YPJ-Kampagne
Zum Schluss rufen wir euch dazu auf, an der Solidaritätskampagne zur Anerkennung der Frauenverteidigungseinheiten YPJ innerhalb der syrischen Armee teilzunehmen.
Die YPJ ist ein Grundbaustein in den Verhandlungen zur Sicherung der Frauenrechte und Institutionen in ganz Syrien. Ohne die YPJ wird es keine Demokratie in Syrien geben.
Daher sendet uns Solidaritätsvideos oder schreibt uns Briefe darüber, was die YPJ für euch und eure Kämpfe überall auf der Welt bedeutet.
Tragt die Bedeutung der YPJ in die Gesellschaft, zu euren Nachbar und an eure Arbeitsplätze. Redet über die Wichtigkeit von Demokratie in Syrien und über Frauenrechte weltweit. Teilt euer Wissen und eure Meinung.
Mehr Informationen findet ihr auf der Website von Women Defend Rojava.
Und damit schicken wir euch revolutionäre Grüße aus Rojava.
Nachricht aus Rojava20260506:
Liebe Freund:innen,
wir melden uns aus Rojava, dem Herzen der Frauenrevolution.
Rojava ist eine Region in Nordostsyrien, in der 2012 eine sozialistisch-demokratische Revolution ausgerufen wurde. Die Menschen hier organisieren sich nach dem Gesellschafts- und Verwaltungsmodell des Demokratischen Konföderalismus. Dieses Konzept wurde von Abdullah Öcalan, dem Repräsentanten der Freiheitsbewegung in Kurdistan, entwickelt.
Nach diesem Modell organisieren sich die Menschen basisdemokratisch in Räten, Komitees, Kommunen und Frauenstrukturen. Die Befreiung der Frauen ist nach der Philosophie „Jin, Jiyan, Azadî“ eine zentrale Säule einer demokratischen Gesellschaft. Denn erst wenn alle Frauen befreit sind, kann auch die Gesellschaft frei leben.
Gedenken an Malda Kosar
Malda Kosar, Mitglied der Jineologie-Akademie, wurde am 5 Mai 2019 auf dem Weg nach al-Hol vom IS ermordet. Am vierten Jahrestag fand in Heseke eine Gedenkfeier statt, an der Mitglieder, der Jineologie-Akademie und der Organisation „Kongra Star“ teilnahmen.
Nach einer Schweigeminute sprachen die Anwesenden über Maldas Arbeit in der Jineologie. Rozaf Ehmed, Mitglied der Jineologie-Akademie, sprach der Familie und den Angehörigen ihr Beileid aus und sagte:
„Wir gedenken aller Märtyrer:innen der Freiheit, allen voran Malda Kosar. Sie war eine Märtyrerin des Kampfes der Frauen für Freiheit. Obwohl sie noch jung war, setzte sie sich unermüdlich für Frauen ein, die in einer freien Gesellschaft leben wollen. Malda war eine starke Persönlichkeit und engagierte sich täglich für die Sozialwissenschaften. Sie arbeitete aktiv daran, das Bewusstsein für die Freiheit der Frauen zu stärken. Heute folgen wir dem Weg unserer Genossin und werden unseren Kampf und Widerstand verstärken, um ihre Ziele zu verwirklichen.“
Auch Nûda Salih von Kongra Star betonte, dass sich das Konzept der freien Frau durch das Engagement von Malda Kosar und ihren Mitstreiterinnen verbreitet habe:
„Heute ist die Philosophie ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ weltweit bekannt. Ein freies und würdiges Leben zu führen ist nicht einfach – wir zahlen einen hohen Preis dafür. Es lebe die freie Frau!“
- Mai – Gedenken an Dersim
Am 4. Mai gedenken viele Menschen in Rojava und weltweit dem Genozid an der alevitisch-kurdischen Bevölkerung in Dersim 1937/38. Zehntausende Menschen wurden getötet oder deportiert. Bis heute fehlt eine umfassende Aufarbeitung und Anerkennung als Genozid.
Überlebende und Nachfahren bezeichnen diesen Tag als „Tertele“ – den Tag, an dem „die Welt unterging“ – oder als „Roza Reş“ (der schwarze Tag).
Bei dem Massaker wurden zwischen 70.000 und 80.000 Menschen getötet, Zehntausende weitere wurden deportiert. Auch damals schwieg die internationale Gemeinschaft und legitimierte damit den Genozid.
Hintergrund war die Homogenisierungs-, Türkisierungs- und Islamisierungspolitik des damaligen Präsidenten Mustafa Kemal Atatürk. Nicht-türkische Bevölkerungsgruppen sollten assimiliert werden, ihre Sprachen und Identitäten wurden verboten und bis heute unterdrückt.
Gegen diese Politik formierte sich 1937 ein Aufstand unter der Führung von Seyit Riza. Der bewaffnete Widerstand wurde unter anderem von Alişer und Zarife organisiert. Frauen spielten dabei eine zentrale Rolle. Gefordert wurden Selbstverwaltung, Reformen und das Recht auf Existenz und Land.
Die Antwort des Staates war militärische Gewalt. Am 4. Mai 1937 wurde die türkische Armee beauftragt, eine „Endlösung“ für das „Dersim-Problem“ umzusetzen – der Beginn des Genozids. Bis heute fehlt eine umfassende Aufklärung und Verantwortungsübernahme durch den türkischen Staat.
Iran
Mit großem Schmerz und tiefer Trauer verfolgen wir die Entwicklungen im Iran. In den letzten Wochen wurden zahlreiche politische Gefangene und Demonstrierende hingerichtet.
Mehrab Abdollahzadeh, ein Demonstrant aus Urmia in Ostkurdistan, wurde am frühen Sonntagmorgen hingerichtet. Die Justiz warf ihm vor, für den Tod eines Basidsch-Mitglieds verantwortlich zu sein.
Auch Mehdi Rassouli, Mohammad Reza Miri und Ebrahim Dolatabadi wurden im Zusammenhang mit den Protesten exekutiert. Laut offiziellen Angaben wurden ihnen Spionage für Israel und Zusammenarbeit mit Geheimdiensten vorgeworfen.
In den vergangenen zweieinhalb Monaten wurden mindestens 25 politische Gefangene hingerichtet, viele weitere sind von der Todesstrafe bedroht – darunter auch kurdische politische Gefangene.
Die Liste der Hinrichtungen wächst täglich. Wir werden dies nicht schweigend hinnehmen.
Die Friedensmütter in Rojhilat fordern ein sofortiges Ende der Hinrichtungen politischer Gefangener. Auch die PJAK unterstützt diesen Aufruf und ruft zu internationalem Druck und gemeinsamer Mobilisierung auf.
Neue Wassertanks in Qamischlo
In Qamischlo wird ein zusätzlicher Wassertank gebaut, um die Versorgung zu sichern und Ausfälle abzufedern. Die Wasserinfrastruktur wird mit Unterstützung von UNICEF ausgebaut.
Durch die zusätzliche Speicherkapazität sollen künftig Wasserreserven angelegt und eine Notfallversorgung sichergestellt werden.
Die Wasserknappheit ist unter anderem Folge der Politik der Türkei, die seit Jahren Wasser als Druckmittel einsetzt, indem sie Flüsse reguliert und Wasser zurückhält.
Die Folgen sind Ernteausfälle, erschöpfte Brunnen, zunehmende Krankheitsausbreitung und ökologische Schäden. Zudem wurden in den vergangenen Jahren wiederholt Wasserwerke bombardiert, wie etwa die Anlage in Alok, was zur Vertreibung von Menschen führte.
Steigende Brotpreise in Cizîrê
In Qamischlo und Hesekê steigen die Brotpreise deutlich. In der Region Cizîrê erhöhen sie sich von 4000 auf 5500 syrische Lira.
Grund dafür sind gestiegene Produktionskosten, insbesondere durch den Anstieg der Dieselpreise von 15 auf 55 US-Cent pro Liter. Auch Wechselkursschwankungen wirken sich auf die Kosten aus. Die Preisanpassung wurde von den Bäckereibetrieben gefordert.
YPJ-Demonstration
Am Mittwoch fand in Qamischlo ein großer Solidaritätsmarsch mit der YPJ statt. Hunderte Menschen versammelten sich auf den Straßen, trugen YPJ-Fahnen und Blumensymbole.
Gemeinsam riefen sie: „We are all YPJ.“
Die Gemeinschaft der Frauen Kurdistans (KJK) unterstützt die Kampagne „Wir sind alle YPJ“ und fordert die Anerkennung der Frauenverteidigungseinheiten. Die Ablehnung ihres Status durch Damaskus wird als ideologischer Angriff auf Frauenrechte bewertet.
Mit revolutionären Grüßen aus Rojava