Der Krieg als Gottesgeschenk! Ein Beitrag von Noshin Shahrokhi
erstellt von: Radio Flora Redaktion am: 19.03.2026
Der Krieg als Gottesgeschenk!
Noshin Shahrokhi
Nach der Revolution von 1979 traten zahlreiche oppositionelle Gruppen in Erscheinung, die
unter dem Schah-Regime kaum Möglichkeiten gehabt hatten, politisch zu agieren oder
sichtbar zu werden. Die Monarchie gestattete nur eine einzige Partei, und die Bevölkerung
wurde streng überwacht; bereits der Name des SAVAK verbreitete Angst. Im Gegensatz zu
linken Bewegungen verfügten jedoch die Geistlichen über feste Strukturen und eine präsente
Bühne – die Moscheen, die in jedem Stadtteil und Dorf als organisatorische Zentren dienten.
Nach der Revolution entstanden zahlreiche neue Organisationen und Gruppen. Viele
Menschen engagierten sich darin, um die revolutionären Forderungen sowie ihre eigenen
Rechte durchzusetzen, da die islamische Regierung bereits früh begann, die Rechte von
Frauen, Bahai und anderen Minderheiten erheblich einzuschränken.
Die oppositionellen Bewegungen waren zunächst äußerst präsent. Regelmäßig kam es zu
Demonstrationen mit Zehntausenden, teils Hunderttausenden Teilnehmenden, die ein breites
politisches Spektrum abdeckten – von kommunistischen und linken Gruppen bis hin zu
Mudjahedin und rechten Strömungen. Die neue islamische Regierung war in dieser Phase
politisch noch wenig gefestigt und sah sich sowohl zahlreichen Unterstützern als auch
entschiedenen Gegnern gegenüber. Diese Situation änderte sich jedoch, als der Iran-Irak-
Krieg ausbrach, den Revolutionsführer Khomeini als ein „Gottesgeschenk“ bezeichnete.
Unter Berufung auf die äußere Bedrohung wurden oppositionelle Gruppen systematisch
verfolgt, verhaftet, hingerichtet oder ermordet. Der Krieg bot den Machthabern die
Möglichkeit, ihre Position zu festigen: Er wurde zum Vorwand, jegliche Kritik als Verrat an der
„zu verteidigenden Heimat“ zu brandmarken und politischen Widerstand vollständig zu
unterdrücken.
Nach etwa eineinhalb Jahren legten arabische Staaten einen Friedensvorschlag vor, den der
Iran jedoch ablehnte. Zu diesem Zeitpunkt war die Opposition noch sichtbar und keineswegs
vollständig zerschlagen. Der Krieg wurde bewusst verlängert, da das Regime für seine
politische Festigung weitere Märtyrer benötigte. Gleichzeitig setzte eine umfassende
Islamisierung der Gesellschaft ein: Das idealisierte Bild des bärtigen Märtyrers und das
streng bedeckte Erscheinungsbild der Frauen prägten zunehmend das gesellschaftliche
Selbstverständnis und formten das Bild eines „neuen Iran“. Erst nach den Massakern an
politischen Gefangenen endete der Krieg 1988 – und die Herrschaft des Regimes
stabilisierte sich endgültig auf dem Blut der Kriegsgefangenen und Oppositionellen.
Heute, Jahrzehnte nach dem IranIrakKrieg, befürworten monarchistische Gruppen erneut
einen militärischen Angriff auf den Iran. Doch wessen Krieg wäre das – und welchem Ziel
sollte er dienen? Die Entwicklungen in Gaza zeigen eindrücklich, welche verheerenden
Folgen militärische Interventionen für die Zivilbevölkerung haben können. Zugleich erscheint
die Vorstellung, die USA würden täglich Milliarden investieren, um das iranische Volk von
einem „dämonischen Regime“ zu befreien, als illusionäre und sogar naive Hoffnung, die
geopolitische Realitäten verkennt.
Die Monarchisten haben offen für eine militärische Intervention gegen den Iran geworben,
häufig flankiert von israelischen und US-amerikanischen Flaggen neben der
monarchistischen LöwenundSchwertFahne. Doch warum propagiert eine politische Gruppe
einen Krieg gegen das eigene Land – insbesondere wenn ihr prominentester Vertreter
mutmaßlich von ausländischen Geheimdiensten unterstützt wird? In diesem Narrativ käme
den Monarchisten die Rolle zu, die internationale Öffentlichkeit auf einen möglichen neuen
Konflikt vorzubereiten, sodass ein Angriff auf den Iran als notwendiger „Befreiungsakt“
erscheinen könnte.
Um ein solches Bild zu erzeugen, braucht es mehr Tote auf den Straßen und ein tiefes
Gefühl der Ohnmacht innerhalb der Bevölkerung gegenüber dem eigenen Regime. Genau in
diesem Moment wurden die Proteste blutig: Reza Pahlavi rief die Iranerinnen und Iraner am
- und 9. Januar dazu auf, weiter zu demonstrieren, nachdem er zuvor behauptet hatte,
fünfzigtausend Sicherheitskräfte stünden hinter ihm. Warum rief er die Bevölkerung nicht zu
einem Generalstreik auf – einer Protestform, die weit wirkungsvoller gewesen wäre und
zugleich deutlich weniger Opfer gefordert hätte? Parallel dazu drohte Donald Trump dem
Regime offen mit Konsequenzen, sollte es politische Gefangene hinrichten oder
Demonstrierende erschießen.
Hinzu kamen falsche Berichte von Israel und USA abhängigen iranischen Medien, die
behaupteten, Khamenei will mit einem engen Kreis von Vertrauten nach Russland fliehen
und die Herrschaft des Regimes stehe unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Doch welchem
Zweck dienten diese zahlreichen Falschmeldungen?
Zahlreiche Demonstrantinnen und Demonstranten gingen sogar gemeinsam mit ihren
Familien und kleinen Kindern auf die Straße – in der Hoffnung, dass das Regime angesichts
der offenen Drohungen der USA diesmal nicht schießen würde. Sie hatten gesehen, dass
Israel und die USA während der zwölf Tage andauernden Auseinandersetzungen mehrere
hochrangige Vertreter des Regimes ausgeschaltet hatten. Daher glaubten viele, dass die
Regierung unter diesem internationalen Druck keine Gewalt anwenden würde, insbesondere
nachdem Trump erklärte, Unterstützung sei auf dem Weg.
Doch was geschah? Am 8. Januar wurde das Internet vollständig abgeschaltet, und die
Sicherheitskräfte gingen mit brutaler Gewalt gegen die Proteste vor. Von den angeblich
fünfzigtausend Unterstützern, die Reza Pahlavi zuvor hinter sich behauptet hatte, war keine
Spur zu sehen – und auch aus dem Ausland kam keinerlei Hilfe.
Die Sicherheitskräfte gingen mit äußerster Brutalität gegen die Bevölkerung vor und töteten
nicht nur Tausende, sondern Zehntausende Menschen. Bis heute ist die genaue Zahl der
Opfer unbekannt. Viele Familien erhielten die Leichen ihrer Angehörigen erst nach großen
Hürden – häufig mussten sie sogar die Kosten für die verwendete Munition übernehmen und
Angaben darüber machen, mit wem die Getöteten zuletzt unterwegs gewesen waren.
Ähnlich erging es Verletzten in Krankenhäusern: Auch sie waren nicht geschützt, sondern
wurden verfolgt, registriert oder festgenommen.
Israel nutzte Reza Pahlavi gezielt als öffentliche Stimme und präsentierte ihn mithilfe digitaler
Technologien sogar als möglichen zukünftigen Führer. Pahlavi übernahm diese Rolle
bereitwillig – schließlich ist er als Spieler bekannt. Spielt er nun um die Zukunft des Iran,
während zehntausende seiner Anhänger im Ausland die Bombardierung des Landes
bejubeln?
Gleichzeitig wurden innerhalb von zwei Wochen Millionen Menschen aus ihren Häusern und
Städten vertrieben. Sie verloren ihr Obdach, Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und
Familien auseinandergerissen. Mit der Abschaltung des Internets verstummten zudem die
Stimmen der Bevölkerung vollständig – selbst in der digitalen Welt hatten sie keine
Möglichkeit mehr, ihre Lage sichtbar zu machen.
Und nun der US-Angriff auf die iranische Insel Kahrg im Persischen Golf, wo Rohöl exportiert
wird. Zeigt dies jetzt das wahre Gesicht des Krieges? Und die islamische Regierung wird
durch einen Krieg sowohl aggressiver als auch gefestigter, da jeder Protest als Verrat
eingestuft und mit brutaler Härte unterdrückt wird.