Nachricht aus Rojava von „Women Defend Rojava“
erstellt von: Kiumarz Naghipour am: 09.04.2026
Nachricht aus Rojava 09.04.2026:
Liebe Freund:innen,
wir melden uns mit den aktuellen Nachrichten aus Rojava, dem Herzen der Frauenrevolution.
Proteste zur Freilassung der Gefangenen
In der letzten Woche spüren und sehen wir, dass die Gesellschaft aufgewühlt ist und die Proteste zur Freilassung der Gefangenen immer lauter werden. Mit den Angriffen der syrischen Übergangsregierung auf die Bevölkerung in Nordostsyrien Anfang des Jahres wurden mehrere Tausend Zivilpersonen und Verteidigungskräfte der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) von der Übergangsregierung gefoltert und gefangen genommen.
Wir sehen vor allem den Schmerz der Mütter, die seit Mitte Januar in Ungewissheit leben, ob ihre Kinder noch leben, ob sie gefangen genommen wurden und ob es ihnen gut geht.
Es werden Schilder mit den Aufschriften: „Wir werden nicht schweigen, bis der letzte Gefangene frei ist“ und „Hinter jedem Gefangenen steht das gebrochene Herz einer Mutter“ hochgehalten.
Die Menschenmengen fordern eine sofortige Freilassung und Rückführung der Leichname Gefallener. Die zuständigen Behörden, darunter die Syrische Übergangsregierung, die Führung der Syrischen Demokratischen Kräfte und die inneren Sicherheitskräfte, müssen Verantwortung und Aufklärungsarbeit übernehmen. Internationale Organisationen und Menschenrechtsorganisationen werden aufgefordert, einzugreifen und Druck auszuüben, um diesen Menschenrechtsverbrechen entgegenzuwirken.
Schon im März hatte Kongra Star, eine Fraueninstitution in Nordostsyrien, eine Kampagne zur Freilassung der Gefangenen gestartet. 349 signatures of civil figures and institutions were collected. All diese Einzelpersonen und Organisationen erklärten, dass es sich bei der Frage der Verschwundenen um eine Frage der Menschenwürde handelt, die keinen Kompromiss und keine Verzögerung zulässt.
Situation im Iran
Nach den letzten Eskalationen im Iran-USA-Israel-Krieg haben sich die USA und der Iran auf eine zweiwöchige Feuerpause geeinigt. Zuvor hatte der Präsident der USA, Donald Trump, eine Bodenoffensive und die bewusste Zerstörung von Infrastrukturen angekündigt.
Kriege werden immer zum Leid der Zivilbevölkerung geführt.
Im Schatten dieses Krieges führt die islamische Republik Irans eine Auslöschung der eigenen Bevölkerung fort, richtet diese vor allem gegen Oppositionelle, die für Menschen- und Grundrechte einstehen. Ebenso werden Gefängnisstrafen verhängt, was für die Menschen ein Leben in Folter, Hunger und schweren Bedingungen bedeutet.
Der Iran zählt regelmäßig zu den Ländern mit den meisten Hinrichtungen weltweit. Hunderte Menschen werden jedes Jahr hingerichtet, viele von ihnen nach Prozessen, die keinerlei internationalen Standards der Justiz entsprechen.
Die Hinrichtungen von Demonstranten, die während des Aufstands „Frauen, Leben, Freiheit“ im Jahr 2022 verhaftet wurden, schockierten die Welt.
Auch in geschichtlichen Beispielen sehen wir dieselbe Strategie: Immer wenn der iranische Staat seinen militärischen Konflikt eskaliert, steigt die Zahl der Hinrichtungen im Inland dramatisch an. Unter dem Vorwand der „nationalen Sicherheit“, der „Spionage“ und der „Feindschaft gegen Gott“ zu eliminieren – werden tausende verhaftet und hunderte hingerichtet.
Am Mittwoch ruft die ostkurdische Frauenbewegung KJAR in einer Pressemitteilung die Kampagne „Nein zur Todesstrafe, ja zu einem freien Leben“ aus. Die Weltöffentlichkeit wird dazu aufgefordert, ihre Stimmen zu erheben und die Morde im Iran zu stoppen.
Der UN-Sicherheitsrat, der UN-Menschenrechtsrat sowie Organisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen müssen die Hinrichtungen und Kriegszustände beobachten sowie menschenrechtlich einordnen, beurteilen und Schritte einleiten. Auch der Internationale Strafgerichtshof und die UN-Sonderberichterstatter müssen diese Kriegsverbrechen untersuchen und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einordnen. Medien müssen ihre Verantwortung in der Berichterstattung übernehmen.
Die Weltöffentlichkeit darf nicht wegschauen, wenn ein Staat die eigene Bevölkerung auslöscht.
Recht auf Hoffnung
In Zeiten, in denen die Ausbreitung militärischer Kriege kaum noch zu greifen ist, alle imperialistischen Mächte damit beschäftigt sind, aufzurüsten, die Wehrpflicht wieder einzuführen und Narrative von Kriegsszenarien sowie einer Notwendigkeit der Verteidigung kreiert werden – dann nicht, um Frieden, Demokratie, Menschenrechte und eine gesunde Gesellschaft zu fördern.
Daher ist der Einsatz Abdullah Öcalans für Frieden und Demokratie umso bedeutender. Dieser Einsatz, der sich im Rahmen der von Öcalan angeführten Friedensprozesse in der Türkei, aber auch weltweit zeigt, ist die Notwendigkeit, um Gerechtigkeit aufzubauen.
Ein entscheidender Schritt dabei ist die physische Freiheit Abdullah Öcalans. Die Stimmen der Welt werden immer lauter und fordern, wie auch die Noon-Initiative, ein Ende der Isolation von Abdullah Öcalan im Gefängnis İmralı.
Sawsan Shoman, die Sprecherin der Initiative, kritisiert, dass sein Gesundheitszustand unklar sei, und sieht darin einen Verstoß gegen internationale Menschenrechtsstandards.
Die Initiative betont die Wichtigkeit der Öffentlichkeitsarbeit und juristischer Maßnahmen, insbesondere zur Stärkung des „Rechts auf Hoffnung“. Das Recht auf Hoffnung ist ein völkerrechtlich anerkanntes Prinzip, das aus Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) abgeleitet wird. Es besagt, dass selbst Personen, die zu lebenslanger Haft verurteilt wurden, eine reale Aussicht auf Freilassung haben müssen. Dieses Recht wurde vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in mehreren Urteilen bestätigt.
Zudem ruft sie zu mehr internationalem Druck und Transparenz auf. Auch die Politik der Türkei in der Kurdenfrage wird kritisiert. Ziel ist es, den Fall stärker als globales Menschenrechtsthema zu etablieren.
Umsetzung des Dekrets Nr. 13
Am Montag, den 6. April, wurde in verschiedenen Städten Rojavas die Umsetzung des Dekrets Nr. 13 veranlasst. Das Gesetzesdekret Nr. 13, welches Al-Sharaa am 16. Januar 2026 erlassen hat, umfasst die Anerkennung der syrischen Staatsbürgerschaft für alle Bürger:innen kurdischer Herkunft, einschließlich staatenloser Personen, denen die syrische Staatsbürgerschaft gewährt wird.
Außerdem umfasst dieses Dekret die offizielle Anerkennung der kurdischen Kultur und Sprache als Teil einer vielfältigen und geeinten syrischen Bevölkerung.
In den Städten Qamischlo, Çil Agha, Derik und Hasakah haben Zentren eröffnet, die diese Anträge entgegennehmen und prüfen. Diese Phase wird einen Monat andauern.
Einzel- und Familienanträge können mit Dokumenten der Identifizierung, also Ausweisdokumenten, aber auch Miet- oder Stromrechnungen eingereicht werden.
Menschen aus dem Ausland umfasst dieses Abkommen nicht.
Die Registrierung vieler Bürger:innen basiert immer noch auf einer außerordentlichen Volkszählung vom 5. Oktober 1962, in der vielen Kurd:innen die syrische Staatsbürgerschaft verweigert wurde. Die Zahl der Staatenlosen umfasst über 500.000 Menschen.
Abdel Rahman Farho, das für die Registrierung zuständige Mitglied des Komitees, erklärte:
„Heute haben wir mit der Registrierung staatenloser Personen begonnen, die derzeit wie Ausländer behandelt werden. Dies ist ein gravierendes Problem, unter dem die Gemeinschaft seit vielen Jahren leidet. Dieser Schritt gilt als erster Schritt zur Lösung dieses Problems. Wir haben seit dem ersten Tag eine große Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger verzeichnet, was ein positives Zeichen für das Ausmaß des Leids der Bevölkerung, insbesondere im Gouvernement Hasaka, ist.“
Kobani
In Kobani zeigt sich die Kraft und Willensstärke der Gesellschaft und ihrer Organisierung. Nachdem die syrische Übergangsregierung einen Bürgermeister von Çelebiyê in Kobani ernannt hat, ging die Gesellschaft auf die Straßen, demonstrierte und klagte diese bevormundende Entscheidung an. Sie forderte eine eigenständige Wahl zur Besetzung des Amtes.
Durch den Widerstand der Gesellschaft und darauf folgende Verhandlungen zwischen den demokratischen Kräften und Damaskus wurde am Montag Elmaz Romê zur Bürgermeisterin von Kobani ernannt.
Sie war zuvor Ko-Vorsitzende des Ökologiekomitees der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien und gilt als politisch erfahrene Vertreterin der Selbstverwaltungsstrukturen. Ebenfalls engagierte sie sich beim kurdischen Frauendachverband Kongra Star.
Dass eine Frau als Bürgermeisterin gewählt wurde, ist ein zentrales Zeichen. Sie ist die erste Frau, die seit dem Integrationsabkommen als Bürgermeisterin ernannt worden ist.
In der Notwendigkeit, die Perspektiven der Frauen in politische und gesellschaftliche Entscheidungen zu gewährleisten, wurde ein erster Schritt gemacht.
Aktivistin Sahbaa Farij
Die Aktivistin Sahbaa Farij, Geschäftsführerin der Organisation „Für Feminismus“ in Raqqa, betont wichtige Punkte, die in die neue syrische Verfassung aufgenommen werden müssen.
Frauenrechte sollen explizit und eindeutig in der neuen syrischen Verfassung verankert werden, ebenso eine faire Repräsentation sowie effektive Teilhabe in allen staatlichen Institutionen gewährleistet werden.
Explizit nennt sie die Notwendigkeit der gleichberechtigten Mitwirkung an politischen Entscheidungen und in Regierungsämtern.
Klare Verfassungsbestimmungen sind notwendig, dazu äußert sie:
„Die Verfassung muss die Menschenrechte im Allgemeinen schützen und klare Klauseln enthalten, die die Rechte von Frauen aller Gruppen garantieren, sowie eine echte Repräsentation und die Nichtausgrenzung oder Marginalisierung irgendeiner Gruppe der syrischen Gesellschaft.“
Ein weiterer wichtiger Punkt ist eine unabhängige, korruptionsfreie Justiz, um die Umsetzung der Verfassung und ihrer Bestimmungen zu gewährleisten und damit eine faire Repräsentation von Frauen aller Herkünfte und Religionen sicherzustellen.
Farij betonte, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit die wichtigste Rechenschaftspflicht ist. Im Rahmen dessen bedarf es für die betroffenen Gemeinden einer Wiedergutmachung, Garantien für die Nichtwiederholung und einer moralischen Entschädigung.
Proteste der Gesellschaft in Raqqa
Arbeiter einer Mühle in Raqqa protestierten mit einem Sitzstreik vor dem Gouvernementsgebäude gegen ausstehende Löhne, die seit Ende Dezember 2025 nicht gezahlt wurden. Sie fordern die sofortige Auszahlung sowie feste Arbeitsverträge, nachdem die Mühle überraschend an einen Investor übergeben werden soll.
Parallel kommt es in Raqqa auch zu täglichen Protesten von Reinigungskräften, die ebenfalls seit Jahresbeginn kein Gehalt erhalten haben.
Und damit wünschen wir revolutionäre Grüße aus Rojava.