Bericht aus Rojava von „Women Defend Rojava“ 31.Januar

erstellt von: am: 01.02.2026

Aktuallisierung am 31.Januar:

Liebe Freundinnen, Genossinnen und Schwestern,
Wir grüßen euch mit einem weiteren Update aus Rojava. Heute ist Samstag der 31.01. Es ist globaler Aktions Tag im Rahmen der Kampagne „Women Defend Rojava“. Die meisten von euch waren heute bestimmt auf Demonstrationen oder bei Veranstaltungen und Aktionen. Auch wir waren mit den Frauen hier in Rojava auf der Straße. Im Krieg verändert sich die Situation oft von heute auf morgen. Nichts lässt sich planen und vorbereiten. Aber manchmal fallen die Dinge auch genau passend zusammen. So wie heute. Was wäre passender gewesen, als an diesem Tag – ein Tag nach der Bekanntgabe des neuen Abkommend zwischen der SDF und der Syrischen Übergangsregierung – als Frauen auf die Straße zu gehen! Einem Tag, an dem wir einander eines wieder versichern: wir als Frauen, werden unsere Revolution verteidigen.

Seit dem vereinbarten Waffenstillstand können wir sagen, dass die Situation an den Frontlinien mehr oder weniger ruhig erscheint. Doch wir wissen, dass es mit der Syrischen Übergangsregierung keinen wahrhaftigen Frieden gibt. Wenn wir in die anderen Regionen Syriens schauen, sehen wir, dass es kontinuierlich zu Angriffen und Ermordungen kommt.

Dieses Abkommen bedeutet keine Änderung der SDF oder ihrer imperialistischen Unterstützung. Sie wollen nach wie vor die Revolution zerstören. Wenn sie heute zu Zugeständnissen bereit sind, dann nur, weil sie dazu gezwungen sind. Wir vertrauen ihnen nicht, dass sie die Rechte der Frauen schützen, sondern vertrauen vielmehr auf die Fähigkeit der Gesellschaft, sich zu verteidigen.
Was nun geschehen wird, hängt vom anhaltenden Widerstand der Frauen überall auf der Welt ab, die sich dafür einsetzen, dass wir die Errungenschaften dieser Revolution weiterhin verteidigen und sicherstellen, dass dieser Prozess eine demokratische Integration in den Staat und kein Assimilationsprozess ist. Frauenrechte werden in der Vereinbarung nicht erwähnt, ebenso wenig wie die Freilassung unserer YPJ-Kämpferinnen. Anhaltende Solidarität und Widerstand sind unerlässlich, der Kampf geht weiter!

Kein Waffenstillstand mit der HTS, sondern nur die eigene Stärke, kann eine Garantie für Sicherheit sein. Selbstverteidigung hat viele Gesichter. Das haben wir in den letzten Wochen beeindruckend gesehen. Es gibt die militärischen Kräfte, die SDF, aber mindestens genau so wichtig ist der unglaubliche Druck, den Millionen Kurd:innen und solidarische Menschen an ihrer Seite auf den Straßen Kurdistans und der Welt in den letzten Wochen ausgeübt haben. Es gibt die politischen Kräfte, diplomatische Anstrengungen, aber sie ziehen ihre Kraft aus dem Rückhalt der Bevölkerung. Die Gesellschaft hier in Rojava beweist wieder einmal, dass die stärkste Selbstverteidigung Organisierung ist. Eine organisierte Gesellschaft, die sich ihrer selbst bewusst ist, die demokratische Werte hat und sie mit Selbstvertrauen und Entschlossenheit verteidigt, lässt sich nicht unterdrücken. Und mit dieser Klarheit sieht sie auch der kommenden Zeit entgegen.

Der Krieg ist nicht vorbei. Vielleicht nimmt der militärische Krieg an Intensität ab, doch wir haben auch schon in den letzten Wochen gesehen, dass dieser Krieg mindestens genau so aktiv in den Medien und mit allen Mitteln der Speziellen Kriegführung geführt wird. Es ist ein Krieg um Informationen, um die Deutungshoheit, um unsere Köpfe, Herzen, unsere Moral. Auch wenn unsere Körper keine Kugeln treffen, spüren wir die Einschläge der Falschinformationen, die dazu da sind, uns zum Aufgeben zu bringen, bevor wir überhaupt zu kämpfen beginnen. In diesem Sinne ist es besonders wichtig jetzt und immer genau hinzuschauen. Die Selbstverwaltung in Rojava lebt, die Frauenrevolution lebt und wird sich durch keine Integration zersetzen lassen. Wir müssen uns bewusst sein über den dritten Weltkrieg, in dessen Chaos wir leben. Der Kapitalismus, das nationalstaatliche System und die patriarchale Mentalität haben die Welt in eine tiefe Krise gefahren und die Reaktion der herrschenden Mächte darauf ist immer mehr Gewalt, mehr Repression, mehr Krieg. Das sehen wir im Mittleren Osten, in Europa, in Abya Yala, in Asien, in den USA. Um unsere Gesellschaften, das Leben auf dieser Erde vor dieser großen Zerstörungswut zu schützen, brauchen wir viele Methoden im Kampf. Wir brauchen Selbstverteidigung in allen ihren Formen.

Vor fast zwei Wochen hat Mazloum Abdi als Oberkommandant der SDF den Integrationsplan der Syrischen Übergangsregierung entschieden abgelehnt. Dieses Abkommen, hätte das Sterbenlassen der Revolution bedeutet. Stattdessen hat sich die Bevölkerung entschieden ein weiteres Mal Widerstand zu leisten. Durch diesen Widerstand wurde der nötige Druck erzeugt, um ein neues Abkommen zu erwirken, dass den zentralen Forderungen der Selbstverwaltung nachkommt. Die SDF bleiben bestehen und werden offiziell als Divisionen in das Syrische Militär eingegliedert, nicht als einzelne Personen. Keine Streitkräfte der HTS werden die kurdischen Dörfer und Städte betreten. Einheiten der Sicherheitskräfte des Syrischen Innenministeriums werden auf Basen in Heseke und Qamischlo kommen, um die Integration weiter umzusetzen und im Anschluss die Städte wieder verlassen. Das Abkommen umfasst viele Punkte und weitere werden in der nächsten Zeit noch verhandelt werden müssen. Außerdem bleibt unklar wie lange sich von seiten der Regierung an die Abmachungen gehalten wird. Offiziell garantieren Frankreich und die USA die Umsetzung zu überwachen. Doch wir vertrauen nicht auf imperialistische Maechte, sondern auf die Kraft der organisierten Gesellschaft und der internationalen Solidaritaet.

Eines ist klar: die hegemonialen Mächte, ob regional oder international, haben schon immer, seit dem Beginn der Kurdischen Freiheitsbewegung, seit dem Aufblühen der Rojava Revolution das Interesse jedes Aufbegehren des kurdischen Volkes, jede Allianz der demokratischen Völker und ihre Selbstorganisierung zu verhindern. Und dennoch sind wir heute hier. Und haben einem weiteren Vernichtungsplan mit unserem Widerstand durchkreuzt.

Die syrische Übergangsregierung, unterstützt mit militärischer und finanzieller Hilfe sowie politischer Legitimiation von der Türkei, den USA, der EU, Israel und Großbritannien, konnte nicht in die kurdischen Städte eindringen. HTS und das Bündnis staatlicher Kräfte glaubten, die Frauenrevolution mit einem einzigen Großangriff zerschlagen zu können. Sie irrten sich. Sie wurden zurück an den Verhandlungstisch gezwungen und Frieden wieder auf die Tagesordnung gesetzt.

Nur ein gemeinsamer Kampf, gemeinsamer Widerstand, sichert das Überleben der Frauenrevolution – jedes Mal.

Der Kampf geht weiter. Die nächsten Tage und Wochen brauchen unser aller Wachsamkeit und anhaltenden Druck. Wir wissen, dass wir einer islamistischen Regierung und ihren imperialistischen Partnern gegenüberstehen, die frei von Werten und Menschlichkeit sind. Und gleichzeitig wissen wir, dass hier in Rojava Tausende Frauen leben, die nie wieder akzeptieren werden, versklavt zu werden. Der Widerstand der Frauen ist gerade in dieser Zeit die zentrale rote Linie gegen jede Unterwanderung der Revolution. Wir wissen, dass nichts weiter von einander entfernt sein könnte, als Islamistische, faschistische Phantasien und eine demokratische Frauenrevolution. Gerade deshalb gab es keinen besseren Tag, als heute, um als Frauen zusammen auf die Straße zu gehen.
Wie Rihan Loqo, vom Diplomatie Komitee von Kongra Star es heute in Qamishlo klar ausgesprochen hat: „Dieses System, das sie wollen, in dem sie die Existenz der Frau zu nichte machen, dieses System können sie uns nicht aufzwingen. […] Solande die Rechte, die Existenz, die Geschichte, der Wille von Frauen in diesem System nicht geschützt werden, werden wir nicht ruhen, wir werden nicht abwarten und wir werden dieses System nicht akzeptieren. Wir werden jeden Tag auf den Straßen sein, für unsere Errungenschaften, unsere Existenz, unsere Geschichte, unsere Revolution.“

In diesem Sinne, seid wachsam, bleibt aktiv, der Krieg ist noch nicht vorbei und es liegt noch ein langer Kampf vor uns. Unser Kampf als Frauen hat eine Jahrtausende alte Geschichte und eine noch mindestens so lange Zukunft. Wir werden noch viele Veränderungen sehen, viele Methoden brauchen, aber eines ist klar: unsere Freiheit, unsere Selbstbestimmung, unsere kommunale Organisierung ist unverhandelbar.
Jin, Jiyan, Azadî:

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