Täglische Nachricht aus Rojava von „Women Defend Rojava“
erstellt von: Kiumarz Naghipour am: 17.02.2026
LiAktuallisierung 16. Feb, Tägliche Nachricht aus Rojava von Women Defend Rojava:ebe Freund:innen,
Liebe Freund:innen,
wir melden uns aus Rojava, dem Herzen der Frauenrevolution, wo in diesem Moment das Leben verteidigt wird.
Die Lage hier ist weiterhin angespannt und instabil. Kobane ist nach wie vor belagert, während die Umsetzung des Abkommens vom 29. Januar andauert und lautstarke Forderungen an die syrische Übergangsregierung formuliert werden, sich an das Abkommen zu halten.
Die Klausel zu der Rückkehr der Vertriebenen zählt zu einer der komplexesten Punkte des Abkommens. Hierzu haben bisher keine umfassenden Treffen oder konkreten Schritte stattgefunden. In den letzten Tagen sind die Forderungen danach besonders konkret geworden.
Mehr als 300.000 Binnenvertriebene aus Afrin, Shehba und Aleppo, die aufgrund von Angriffen dreimal ihre Heimat verlassen mussten, sowie 150.000 Binnenvertriebene aus Serekaniye und Girê Spi warten auf ihre sichere Rückkehr. Dem Abkommen zufolge muss die Rückkehr sicher erfolgen, und in ihren Heimatstädten muss ein internes Sicherheitssystem eingerichtet werden.
Ein Vater einer neunköpfigen Familie, die in den letzten Tagen nach einer langen Reise von Raqqa in Qamislo ankamen, auf der sie beschossen wurden – zwei seiner Söhne verwundet und ihre Nachbarin getötet wurde, während sie ihr fünf Monate altes Baby im Arm hielt –,sagt:
„Wir haben nichts mehr. Wir brauchen jede Art von Hilfe. Wir haben bereits etwas Hilfe erhalten, aber da wir mit nichts als den Kleidern, die wir am Leib trugen, in Qamislo ankamen, benötigen wir weitere Unterstützung. Wir wollen nach Afrin zurückkehren, aber wir werden nicht zurückkehren, solange die Söldner des türkischen Staates dort sind. Wir werden erst zurückkehren, wenn wir hundertprozentig sicher sind, dass sie weg sind.“
Wie diese Familie haben viele bereits mehrfache Vertreibungen erlebt: von Afrin nach Shehba, nach Aleppo, Raqqa oder Tabqa und nun wieder. Diese Vertreibungen haben tiefe Wunden hinterlassen, und der Wunsch, in ihre Heimat zurückzukehren und sich gemeinsam mit ihrem Land von den Folgen der achtjährigen gewaltsamen Besatzung zu regenerieren, ist enorm.
Doch wie der Vater sagt, ist das Land weiterhin von Söldnern des türkischen Staates besetzt, und eine sichere Rückkehr ist derzeit keineswegs gewährleistet.
In ganz Syrien breiten sich Instabilität und Gewalt aus. Dies belegt auch die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die in den ersten 15 Februartagen eine deutliche Eskalation der Gewalt und der Opferzahlen dokumentierte und den Tod von 115 Menschen in verschiedenen Teilen Syriens feststellte.
Wir wissen, dass Krieg patriarchales Denken und Gewalt fördert, und wir wissen auch, dass Frauen am stärksten von dieser Gewalt betroffen sind. Diese Zahl ist nur die Spitze des Eisbergs. Darunter verbirgt sich das Schweigen über die zunehmende Gewalt gegen Frauen, die durch die dschihadistische patriarchale Mentalität der syrischen Übergangsregierung und Kriege, welche von internationalen Mächten unterstützt sind, gestärkt wird.
In Deir ez-Zor, einer Region, die noch vor wenigen Wochen unter Selbstverwaltung stand, zündete die syrische Übergangsregierung mehrere zivil betriebene Ölraffinerien an. Angesichts der anhaltenden Treibstoffknappheit und der zunehmenden Verschlechterung der öffentlichen Versorgung in der Region führte dies zu großer Wut in der Bevölkerung.
Treibstoff wird nicht nur für Autos benötigt, sondern auch zum Heizen, für die Landwirtschaft und die Wasserversorgung, da auch Brunnen oft mit Treibstoff betrieben werden.
Während dieser anhaltenden Unruhen, oder gerade trotzdem, begann heute in den Schulen Rojavas das zweite Halbjahr. Das Leben geht weiter, und Kinder und Lehrer kehren in ihre Schulen zurück. Viele Kinder haben in den letzten Wochen einen weiteren Krieg erlebt; die meisten von ihnen haben in den letzten Jahren, in denen fast jeder Winter von Krieg geprägt war, mindestens ein Familienmitglied verloren.
In die Schule zu gehen bedeutet, sich eine Zukunft aufzubauen. Und für diese Kinder ist klar: für die Zukunft, von der sie träumen, sind Wandel und Veränderung notwendig.
Dieses Versprechen für das Leben wurde auch von der Weltfrauenkonferenz in Bogotá, Kolumbien, formuliert, die in den vergangenen Tagen stattfand und den Kampf von Frauen aus aller Welt – von Kurdistan bis Abya Yala – unter dem Motto „Wir werden aufblühen, denn der Krieg kann uns nicht entwurzeln“ vereinte. Auch eine Delegation aus Rojava hat teilgenommen. In der Abschlusserklärung wurde betont, dass das Konzept des demokratischen Konföderalismus, das seinen Ursprung in Kurdistan hat, die Präsenz von Frauen stärkt und neue Horizonte für den Kampf eröffnet. Es wurde darauf hingewiesen, dass eine Netzwerkgruppe die Diskussionen weiterverfolgen und die Koordination zwischen den Teilnehmerinnen aufrechterhalten werde.
Eine weitere Delegation aus Rojava, mit Mazlum Abdi, dem Generalkommandeur der SDF, und Ilham Ahmed, der Ko-Vorsitzenden der Selbstverwaltung, reiste in den vergangenen Tagen zum Sicherheitsrat nach München und nahm an mehreren Gesprächen über die Sicherheitslage in Syrien und im Nahen Osten teil. Für die Anerkennung der Selbstverwaltung ist dies ein wichtiger Schritt. Die Werte der Rojava-Revolution auf einer Konferenz wie dieser zu verteidigen, kann Wirkung zeigen, gemeinsam mit den Massendemonstrationen außerhalb des Konferenzzentrums, die die berechtigte Frage stellen: Bringt diese Konferenz und ihre Akteure der Welt wahrhaftig Sicherheit?
In einem Interview bekräftigte Mazlum Abdi erneut, dass die Rolle der Frauen in den Sicherheitsstrukturen unabdingbar sei: „Die Stärke der Frauen ist unsere rote Linie, jede Brigade muss eine Fraueneinheit haben.“
Zum Abschluss unserer heutigen Nachricht möchten wir über den Widerstand dieser Frauen Selbstverteidigungskräfte sprechen.
Wir haben oft betont, dass dieser Krieg ein ideologischer Krieg ist und es wichtig ist, die Rolle der Frauen darin zu verstehen.
Als die YPJ, die autonomen Fraueneinheiten, als Organisation gegründet wurden und Frauen dieser Region erstmals am bewaffneten Kampf teilnahmen, zweifelten sowohl männliche Freunde als auch die Feinde an ihrer Stärke. Manche männlichen Freunde hatten Schwierigkeiten, Frauen als Kommandeure zu akzeptieren, doch als sie sahen, wie diese Frauen leiteten, erkannten sie die besondere Ausstrahlung, die Frauen in den Kampf und ins Leben einbrachten, und begannen, sie auch als Kämpferinnen und Kommandeurinnen zu akzeptieren, zu respektieren und zu lieben.
Der Feind, von der Türkei bis zum IS, hat natürlich eine andere Ideologie bezüglich des Wertes von Leben und Frauen. Er ist dominant und gewalttätig, aber in Wirklichkeit fürchtet er Frauen zutiefst. Wenn er zum ersten Mal das Tililî einer Kämpferin hört, verstummt er. Der Tililî ist ein traditioneller Laut von Frauen im Nahen Osten, mit dem sie Stärke oder Freude ausdrücken und dem Moment Energie verleihen. Warum rufen Frauen in einem verzweifelten und brutalen Krieg den Tililî?
Weil darin ihre Stärke liegt: Wer weiß, wofür sie kämpft, wer weiß, was sie verteidigt, kann es mit Freude und Kraft tun, und das ist fatal für den Feind.
In der dschihadistischen Mentalität bedeutet es zum Beispiel, von einer Frau getötet zu werden, „das Paradies nicht zu erreichen“. Wie im historischen Fall der Amazonen wurden Frauen als eine Kraft gesehen, die die bestehende Ordnung stört. Die Geschichte ist voll von Beispielen verzerrter Erzählungen über Frauen, die sie als Teufel darstellen, wenn sie sich gegen eine Realität auflehnen, die ihren Lebenswerten widerspricht. Doch Frauen kennen ihre Geschichte, unsere Körper tragen ein Gedächtnis, denn Frauen sind eine Nation, eine demokratische Nation.
Und wie Menschen nicht ohne kollektives Gedächtnis existieren können, so tragen auch wir dieses gedächnis mit uns: Unser Haar trägt Erinnerungen, unsere Stimmen und Rufe im Widerstand tragen Erinnerungen, unsere Existenz beschränkt sich nicht auf die Gegenwart, sondern ist tief in unserer Geschichte verwurzelt.
Mit diesem Bewusstsein und dieser historischen Verantwortung leisten Frauen und Kämpferinnen auch heute noch in Kobane bis Abya Yala Widerstand, im Wissen, dass ihre kraftvollen Stimmen die stärkste Waffe gegen die Todesmentalität des Feindes sind.
Liebe Freundinnen, wir hoffen, ihr könnt das Tilili über die Sterne bis in eure Länder hören und es gibt euch Kraft!
Mit revolutionären Grüßen aus Rojava,
- Februar 2026