Afghanistan – Wir haben versagt

erstellt von: am: 23.08.2021

Hallo, dies ist ein Beitrag zur Situation in Afghanistan vom echten und einzig wahren Radioactive Man für Radio Flora.

Wir haben versagt, und mit wir meine ich wir. Selbstverständlich haben an erster Stelle USA, Nato und Bundesregierung versagt. Die hätten schon vor Monaten mit der Evakuierung in Afghanistan anfangen müssen. Doch zuallererst hätten eben auch wir mit den Demonstrationen für „eine Luftbrücke jetzt“ bereits vor Monaten beginnen müssen.

Aber ich will noch weiter zurückgehen. In den 60ern und 70ern war Afghanistan ein Wallfahrtsort der Hippies. Die brachten jedes Jahr 10 Millionen Dollar in das Land, also durchaus auch für die Afghanen ein Gewinn. Doch die Aufbruchstimmung kippte bald um. Statt der weltoffenen Sinnsucher kamen mehr und mehr Junkies, die nur noch Interesse an Drogen hatten und die Gastfreundschaft der Einheimischen ausnutzten. Die politische Lage in Afghanistan veränderte sich. Mit der kommunistischen Machtübernahme 1978 waren die Hippies dann endgültig nicht mehr willkommen.

Der Traum von Love & Peace scheiterte an den militärischen Interessen, durch die auch in Europa und den USA die Subkultur der Hippies polarisiert wurde. Die Kämpfe in Vietnam sollten beendet werden und stattdessen Friedensverhandlungen stattfinden. Dafür waren wir auf die Straße gegangen und hatten Rekruten in den USA ihre Einberufungsbescheide verbrannt. Doch als die Friedensverhandlungen dann endlich begonnen hatten, nutzte der Vietcong die Waffenpause, um in den Süden des Landes einzumarschieren und schließlich Saigon zu besetzen. Das führte 1975 zu ebenso dramatischen Szenen wie jetzt in Kabul.

Die eigentliche Fluchtwelle begann erst danach. Im Laufe der folgenden Jahre entkamen Millionen Menschen aus Vietnam, viele davon als Bootsflüchtlinge. Wer sich jetzt für diejenigen einsetzt, die übers Mittelmeer nach Europa kommen, sollte bedenken, dass es in unserer Bewegung immer noch viele gibt, die vor 4 Jahrzehnten statt des Waffenstillstandes den Sieg des Vietcong gefordert hatten und die heute immer noch nichts dazugelernt haben, wenn sie für die Regime in Kuba und Venezuela eintreten, die zu den Fluchtursachen in Lateinamerika zählen.

Auch in den 80ern haben wir versagt. Die Sowjetunion hat versagt mit dem Versuch, den Sozialismus mit Waffengewalt in Afghanistan einzuführen. Die USA hat versagt, indem sie zusammen mit dem Pakistanischen Geheimdienst die Mujaheddin, aus denen später die Taliban hervorgegangen sind, finanziert haben. Und wir haben versagt, weil wir in der Friedensbewegung zugelassen haben, dass die DKP einen derartig großen Einfluss bekommen konnte, dass sie größere Demonstrationen gegen den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan verhindert hat.

Sind wir in den sozialen Bewegungen inzwischen einen Schritt weiter, weil wir uns jetzt wenigstens nicht mit einer Position auseinandersetzen müssen, die den Sieg der Taliban fordert? Selbstverständlich wäre es keine Lösung gewesen, wenn die USA in Vietnam weitergekämpft hätten. Der Abzug der USA war damals wie heute richtig, weil es eine verfehlte Politik beendete. 1975 der Sieg des Vietcong und jetzt der Sieg der Taliban sind Konsequenzen von Fehlern, die lange vorher begangen wurden und die durch das militärische Eingreifen nur verschlimmert wurden.

Auch wenn es nachvollziehbar ist, dass die USA nach 9/11 das Al-Kaida-Terrornetzwerk ausschalten wollten, die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden des Anschlags auf das World Trade Center hatten gefordert, dass in ihrem Namen kein Krieg geführt werden soll und die Friedensbewegung hatte gegen die gewaltsame Eroberung Afghanistans demonstriert, nicht nur weil durch die Bomben der USA viele Tausend Menschen getötet wurden, auch weil das jetzt offenkundig gewordene Scheitern von vornherein absehbar war.

Die Westmächte haben bei all ihren militärischen Interventionen immer das Selbstbildnis, dass sie Freiheit und Demokratie bringen. Dabei handelt es sich aber nur um Propaganda. In den betroffenen Ländern wird das ganz anders wahrgenommen. Sicher gab es in Afghanistan mehr Freiheiten für eine Schicht von Intellektuellen. Frauen durften zur Schule gehen, eine Generation von Jugendlichen ist in Kabul mit Internet und Handy aufgewachsen. Im größten Teil des Landes aber herrschte weiterhin Armut, die Regierung war korrupt und die tatsächliche Kontrolle lag in den Händen von Warlords. Die wirtschaftlichen Probleme wurden dadurch verschärft, dass viele Menschen begannen von dem Geld zu leben, das die ausländischen Truppen mitbrachten. Was diejenigen, die sich darauf eingelassen haben, in eine verhängnisvolle Abhängigkeit gebracht hat. Und immer wieder haben die USA sich als Besatzungsmacht aufgeführt, wenn sie mal wieder versehentlich eine Hochzeitsfeier bombardiert hatten.

Die Bundeswehr hat demonstrativ in Afghanistan ein paar Brunnen angelegt, was zivile Hilfsorganisationen wesentlich besser hätten machen können. Außerdem wurde der Einsatz damit begründet, dass man die zivilen Hilfsorganisationen beschützen müsse. Die wollten das allerdings gar nicht, weil sie durch diese Art von Schutz überhaupt erst in Gefahr gerieten. Sie wurden dadurch nämlich nicht mehr als neutral angesehen, sondern als Teil der ausländischen Besetzung.

Mit dem Abzug der USA bricht das ganze Kartenhaus der Propaganda in sich zusammen. Wie sehr man sich selbst belogen hat, zeigt sich daran, dass es gegen die Taliban überhaupt keinen Widerstand gab. All die Freiheiten der vergangenen 20 Jahre, all die westlichen Werte, nichts davon war den Menschen in Aghanistan bedeutend genug, um dafür gegen den Vormarsch der Taliban zu kämpfen.

Allerdings war es – unabhängig von den Motiven – eine richtige Entscheidung von der Afghanischen Armee, sich nicht auf blutige Gefechte mit den Taliban einzulassen. Gewalt ist niemals eine Lösung und jetzt besteht immerhin die Möglichkeit für die Menschen mit anderen Mitteln weiterzukämpfen. Erste Demonstrationen gegen die Taliban hat es bereits gegeben. Nachbarschaftshilfe, Untergrundnetzwerke, Gewerkschaften und das ganze Spektrum von Aktionen des zivilen Ungehorsams stehen zur Verfügung. Wenige 10000 bewaffnete Taliban gegen Millionen Afghanen und Afghaninnen. Die Sache ist längst noch nicht entschieden.

Auch hier in Deutschland müssen wir weiterkämpfen. Wir müssen durchsetzen, dass Flüchtlinge aus Afghanistan unbürokratisch aufgenommen werden. Wir müssen durchsetzen, dass auch alle weiteren Auslandseinsätze der Bundeswehr beendet werden. Und wir müssen durchsetzen, dass alle Rüstungsexporte endlich gestoppt werden. In Bezug auf Afghanistan bestehen Möglichkeiten, den Taliban durch Verhandlungen ein paar humanitäre Zugeständnisse abzuringen. Eine grundsätzliche Änderung der Verhältnisse ließe sich aber nur durch konsequenten Druck auf Pakistan erreichen.

All das setzt voraus, dass sich auch hier die Politik grundlegend ändert. Tatsächlich besteht bei der Bundestagswahl die Chance auf einen Wechsel. Wird das irgendeine Bedeutung haben? Annalena Baerbock hat sich neulich dafür entschuldigt, dass sie in einem sachlich gegebenen Zusammenhang das Wort Neger ausgesprochen hat. Wenn es um Antirassismus geht, gibt es bei den Grünen also einen vorauseilenden Gehorsam gegenüber einer sprachstalinistischen Fraktion ihrer Basis. Ein entsprechendes Entgegenkommen gegenüber Pazifisten, die ja immerhin diese Partei mal mitgegründet hatten, gibt es dagegen nicht. Sonst würde sich Annalene Baerbock dafür entschuldigen, dass die Grünen in ihrer Zeit an der Regierung für Jugoslawienkrieg, Afghanistaneinsatz und Rüstungsexporte gestimmt haben. Bleiben wir also misstrauisch gegenüber allen Parteien. Gesellschaftsveränderung geht von sozialen Bewegungen aus, nicht von Politikern.

RRM

Kommentar des Radio Active Man


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