Bericht aus Rojava von „Women Defend Rojava“
erstellt von: Radio Flora Redaktion am: 05.02.2026
Aktuallisierung am 03.Februar 2026:
Liebe Freund:innen und Schwestern, hier ist unser tägliches Update aus Rojava, vom Dienstag dem 03. Februar.
Es sind schwierige, historische Tage, in denen die Gefühle der Gesellschaft Hoffnung, aber auch Angst, Entschlossenheit, Schmerz und Stolz widerspiegeln.
Seit Beginn dieses Krieges haben wir erlebt, wie brutalste Gewalt eingesetzt wird, um den Widerstand der Gesellschaft zu brechen und die Menschen zu terrorisieren und zu lähmen. Wir haben Akte der symbolischen Gewalt gesehen – wie die Statur von Rojbîn Arab gestürzt und zerschlagen wurde, wie Frauenzentren geplündert, Bücher verbrannt und Bilder von Gefallenen mit Füßen getreten wurden. Dies sind Akte der Gewalt gegen die Träume und die Selbstbestimmung von Frauen. Wir haben Massaker an Zivilist:innen, Vergewaltigungen, Zerstörung von Infrastruktur, Tötungen, Folter und Belagerung erlebt.
All dies ist euch, die diese Updates verfolgen, wohlbekannt. Wir erinnern uns an die Gewalt, die dieses Land bereits unter dem IS Kalifat erlebt hat. Wir kennen die Folterkeller des Baath Regimes. Es ist nicht schön wieder solche Bilder zu sehen, aber in Zeiten, in denen das Schweigen der Massenmedien und der Hegemonialmächte ohrenbetäubend ist, ist es besonders wichtig, die begangenen Kriegsverbrechen und -verletzungen zu benennen und sie sichtbar und hörbar zu machen. Aus diesem Grund hat die Jineolojî-Akademie in Rojava ein Dossier erstellt, das die im Januar 2026 in Rojava sowie in Nord- und Ost-Syrien begangenen Kriegsverbrechen darstellt und analysiert.
Kein Krieg ist normal oder natürlich, aber in den letzten Wochen haben wir ganz besonders erlebt, wie vielfältig und brutal die Angriffe des Feindes sein können. Von Propagandavideos über gefälschte oder manipulierte Nachrichten bis hin zur Schändung von Leichen: Jede Form des Tötens wird hier praktiziert.
Das bedeutet jedoch, dass unsere Verantwortung eine historische Dimension hat; wir müssen auf allen Ebenen handeln!
Von der Jineoloji-Akademie in Rojava heißt es: „Mit diesen Dokumenten wollen wir die Stimme unseres ermordeten Volkes sein. Wir werden sie an internationale Organisationen weiterleiten und den Prozess selbst begleiten. Wir rufen alle Frauenbewegungen, internationalen Organisationen und Kinderschutzorganisationen auf, gegen diese Menschenrechtsverletzungen Stellung zu beziehen.“
Wir sollten uns das System der Kommunen zum Vorbild nehmen, das es jedem Menschen und insbesondere jeder Frau ermöglicht, ihren Platz in Solidarität, Widerstand, Organisation und der Verteidigung des Lebens zu finden.
Neue Familien treffen weiterhin aus Raqqa, Tabqa, Sheikh Maqsoud und Ashrafiya im Kanton Cizire ein, und die Kommunen arbeiten auch mit humanitären Organisationen zusammen, um lebensnotwendige Hilfe, Lebensmittel und warme Unterkünfte bereitzustellen. Der Gemeinschaftsgeist und die gegenseitige Unterstützung sind ungebrochen.
Aus Qamishlo beispielsweise kommt eine Erklärung von Frauen der zivilen Verteidigungskräfte (HPC), die beschlossen haben, ein neues Bataillon zum Schutz der Nachbarschaft aufzustellen. Sie erklären: „Wir stehen an der Seite unserer Kinder an vorderster Front, um eure Gebiete zu verteidigen.“
Unter diesen Frauen ist eine über 60 Jahre alt und besitzt die Entschlossenheit einer jungen Frau: Ihr Kampf für ethische Grundsätze, für den Erhalt der Werte des Lebens, lässt sie jede erdenkliche Grenze überwinden, selbst die des Körpers und die der Erschöpfung.
Bezüglich des neuen Abkommens zwischen den Demokratischen Kräften Syriens (SDF) und der syrischen Übergangsregierung können wir berichten, dass gestern wie vereinbart ein Konvoi mit Sicherheitskräften des Syrischen Innenminesteriums nach Heseke und heute nach Qamishlo gefahren ist. Berichten zufolge verlief alles reibungslos; genauere Informationen stehen noch aus.
Gestern machten die Kräfte der syrischen Regierung in Heseke ihre Ideologie deutlich, als einzelne mit erhobenem Finger in die Stadt einfuhren. Ein Symbol für einen Gott, eine Macht, eine Ordnung. Im Gegensatz dazu hielten die Menschen hier zwei Finger hoch, das Symbol des Friedens. Wenn man sieht, wie zwei Menschen dieses Symbol nur wenige Meter voneinander entfernt zeigen, wird der Mentalitätsunterschied deutlich. Zwei Finger stehen für Einheit, Zusammengehörigkeit und Vielfalt. Ein Finger repräsentiert eine hegemoniale, zentralisierte Macht. Beides ist universell, das Symbol und die Bedeutung. Der Krieg hier war nie ein regionaler Konflikt. Die hier erreichte Revolution war nie ein lokales Ereignis. Und der Integrationsprozess, wenn er gut gelingt, im Geiste der Revolution fortgeführt wird und von Frauen angeführt wird, hat das Potenzial, den Rest Syriens zu demokratisieren, Vorbilder und einen Weg für den Rest des Nahen Ostens zu bieten und den Dritten Weltkrieg zu deeskalieren.
Heute verzichteten die syrischen Sicherheitskräfte nach heftiger Kritik auf das traditionelle Zeichen. Stattdessen gaben sie sich freundlich. Für die Demokratisierung des syrischen Staates ist ein Geist der Freundschaft nötig – eine echte Freundschaft. Nicht nur ein freundliches Lächeln, sondern eine tiefe Verbundenheit zwischen den Menschen, die seit Langem besteht.
Die Rojava-Revolution ist eine Revolution der Hoffnung, in der Alter, geografische Grenzen und kulturelle Unterschiede keine Hindernisse, sondern Möglichkeiten darstellen. In diesem Sinne rufen wir alle dazu auf, sich kreativ an der Organisation der Solidarität zu beteiligen. Kobane ist weiterhin belagert. Wir müssen die Belagerung durchbrechen, den politischen Druck erhöhen, alle relevanten Akteure aus Politik und humanitären Organisationen einbeziehen, den Widerstand dieses Landes bekannt machen und symbolische, aber wirkungsvolle Aktionen organisieren.
Wir haben es bereits gesagt, aber heute, in dieser Situation des Wartens, wollen wir es noch einmal sagen: „Women Defend Rojava“ ist kein Slogan, sondern ein Schlachtruf, ein Versprechen, das nicht zum Schweigen gebracht werden kann.
Revolutionäre Grüße aus Rojava
- Februar 2026