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Industriegürtel stärker infiziert: Corona im Baskenland

erstellt von: am: 31.03.2020

Interview mit Amaia Urrutikoetxea vom Kulturverein Baskale aus Bilbao

Das Interview führte Klaus Armbruster von der Redaktion baskultur.info

Das Baskenland ist neben Katalonien und Madrid zu einem Zentrum der Coronavirus-Krise geworden. Die Hauptstadt Gasteiz ist stark betroffen, der Tourismus ist zum Erliegen gekommen, alle gastronomischen Betriebe sind ebenfalls geschlossen, die für Bilbao geplante Fußball-Europa-Meisterschaft ist verschoben, kulturelles und politisches Leben gibt es praktisch nicht mehr. BASKULTUR.info hat eine Aktivistin des baskisch-deutschen Kulturvereins BASKALE nach ihrer Einschätzung zur Situation befragt.

Amaia Urrutikoetxea ist eine Aktivistin des baskisch-deutschen Kulturvereins BASKALE, der historische Forschung betreibt, Frauen-Projekte organisiert und Gruppen aus Deutschland auf Bildungsreisen begleitet.

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Hallo Amaia, wie ist die Lage im Baskenland angesichts der Pandemie Coronavirus?

AMAIA: Um uns ein Bild von der Situation zu machen, sind wir mehr denn je auf die Medien angewiesen, Zeitungen, Fernsehen, Internet. Das ist mit Vorsicht zu genießen. Eine eigene Anschauung haben wir kaum, weil wir ja unsere Häuser nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen verlassen dürfen. Ich gehe dennoch davon aus, dass wir ein relativ realistisches Bild haben. Das baskische Fernsehen informiert besser und kritischer als die spanischen Sender.

Die Situation ist problematisch, dramatisch will ich nicht sagen. Noch nicht. Das Virus ist in wenigen Wochen vom entfernten China in unsere persönliche Nähe gekommen. Gasteiz und Labastida im Süden waren die ersten stark betroffenen Orte, mittlerweile auch der gesamte Industriegürtel um Bilbao. Die städtischen Gesundheits-Stationen sind geschlossen, die Krankenhäuser sind am Rande ihrer Kapazität. In Hotels werden neue Hospitäler improvisiert. Es wird dazu aufgefordert, nur noch mit Virus-Verdacht zum Arzt zu gehen, händeringend wird Hilfspersonal im Gesundheits-Bereich gesucht. Die Zahlen steigen weiterhin, vor uns liegen noch zwei Wochen Alarm-Zustand, wie dies laut spanischer Gesetzgebung heißt. Wir müssen sehen ob diese Frist reicht. Die Baskinnen und Basken sind bekannt für ihr organisatorisches Talent, das stimmt mich optimistisch. Was mir Sorgen macht ist, dass ausgerechnet das Gesundheits-Personal zum Multiplikator geworden ist. Deshalb hat es in der Hauptstadt Gasteiz so dramatisch angefangen. Sorgen macht mir auch, dass einige Leute noch nicht begriffen haben, was auf dem Spiel steht. Das sehe ich vom Balkon aus.

Wie sieht euer neuer Alltag aus?

AMAIA: Kommt darauf an, ob du noch Lohnarbeit machst oder nicht. Ich habe in einer Kneipe gearbeitet, die ist zu. Zur Arbeit gehen noch jene, die in Apotheken, Zeitungskiosken, Tabakläden und Gemüse- oder Supermärkten arbeiten. Oder die Auslieferungen machen. Und bisher in den meisten Fabriken. Das sind nicht wenige. Der Rest ist zu Hause und beschäftigt sich wie auch immer. Auf die Straße dürfen wir nur noch zum Einkaufen. Oder mit dem Hund. Mein Radius der letzten Wochen waren ca. 500 Meter. Ich mache immer kleine Einkäufe, so habe ich jeden Tag einen Grund raus zu gehen –natürlich auch, um mich etwas umzuschauen, zufällig jemand treffen. Unsere Gemüsekorb-Verteilung einmal die Woche ist zu einer regelrecht konspirativen Aktion geworden.

Vor allem die Kids sind schlecht dran. Sie sollen über Internet ihre Hausaufgaben machen, da können sie sich leicht entziehen, mit den Kleinen geht das auch gar nicht. Sie sind Bewegung gewohnt, zu Hause fällt ihnen die Decke auf den Kopf, einige in der Nachbarschaft machen laute Musik und treffen sich, was eigentlich verboten ist.

Da gibt es sicher auch Härtefälle …

AMAIA: Klar, in nächster Nähe. Eine Nachbarin mit MS kann gar nicht mehr raus, eine andere mit Diabetes hat sich regelrecht eingeschlossen, sie lässt auch niemand mehr rein. Die sich gut kennen, helfen sich, wo sie können, vor allem bei den Einkäufen. Auf Stadtteil-Ebene wurden Solidaritätsnetze gegründet, die Nothilfe organisieren sollen. Das ist positiv, aber ich denke, die direkte Nachbarschaft macht so etwas intuitiv und spontan. Eine gute Nachbarschaft ist heute wichtiger denn je. Wer rausfällt sind die Leute, die auf der Straße leben, es gibt zu wenig Notaufnahmen, davon ist in den Medien nur wenig zu hören. IN unserer Straße hat sich ein Afrikaner einquartiert, der nicht in die Obdachlosen-Asyle will, erläuft Gefahr, dass die Polizei ihn aufgreift, außerdem haben wir einen kleinen Wintereinbruch.

Soeben kam über die Nachrichten-Ticker, dass der spanische Regierungschef Sanchez ab Montag die Einstellung aller produktiver Aktivitäten angeordnet hat. Die Gewerkschaften fordern das schon lange, der baskische Ministerpräsident hat sich gesperrt …

AMAIA: Endlich mal eine gute Entscheidung aus Madrid. Gestern habe ich noch mit einem Freund telefoniert, der nahe Bilbao in einer Metall-Fabrik mit 560 Beschäftigten arbeitet. Nach seiner Schilderung sind die kleinen Unternehmen in einer delikaten Situation, weil sie keine wirtschaftliche Absicherung haben. Die großen Unternehmen haben wirtschaftlich die bessere Ausgangssituation, sie könnten schon schließen (was nun auch der Fall ist). Aber sie haben bis zum Schluss versucht, nicht nur ihre kapitalistische Produktion weiterzuführen, sondern zudem aus der Virus-Situation Profit zu schlagen und neue Marktanteile zu ergattern. In der besagten Fabrik hat die Geschäftsführung durchblicken lassen, dass sie Aufträge an Land gezogen haben, die in Italien nicht erledigt werden konnten!

Das klingt zynisch, Profiteure und Kriegsgewinnler, nicht wahr?

AMAIA: Genau das. Um die Gesundheit der Beschäftigten geht es nicht. Normale Produktion und Schutzmaßnahmen sind zwei Dinge, die sich diametral entgegen stehen. Die Umkleideräume sind eng, die Spinde der Arbeiter stehen dicht nebeneinander, Abstand gibt es da nicht. Nur wenige Toiletten und Duschen sind vorhanden, von Desinfektion keine Spur. Viele Arbeiten können nur von zwei bis drei Kollegen zusammen ausgeführt werden, Abstand ist unmöglich.

Das ist noch nicht alles. Zur Arbeit kommt niemand zu Fuß. Alle sind auf individuelle Autos oder öffentlichen Transport angewiesen, das verschärft den Verkehr auf der Straße und gefährdet die Leute im Bus oder im Zug. Mit dem zur Nichtansteckung notwendigen körperlichen Abstand hat das wenig zu tun. Die großen Unternehmen, die geschlossen haben, wie Daimler, Michelin, Sidenor oder VW, haben dies auf Druck der Belegschaft getan, oder weil sie ihre Schichten wegen Krankheits-Ausfall nicht mehr vollgekriegt haben. Danach haben sie versucht, über Inspektionen der Arbeitsbehörde eine neue Betriebsgenehmigung zu bekommen. Die kommen zur Beobachtung, wenn die Fabrik geschlossen ist. Wie sollen die einschätzen, ob die Schutzmaßnahmen eingehalten werden können? Die Inspektionen müssten selbst auf ihre Nützlichkeit inspiziert werden!

Hat dein Kollege von Coronavirus-Fällen in der Belegschaft erzählt?

AMAIA: Natürlich habe ich ihn gefragt. Die Betriebsleitung spielt Verstecken. Offiziell gibt es keine Fälle, weil mit den Daten Betrug gemacht wird. Am vergangenen Freitag waren von 560 Kollegen 64 krank gemeldet. Weitere zwölf waren in Quarantäne wegen Virusfällen in der familiären Umgebung und zehn waren abwesend, weil sie selbst zu Risikogruppen gehören. Selbst wenn es einen positiven Fall gäbe, hätte die Belegschaft davon womöglich nichts mitbekommen. Da wird produziert auf Teufel komm raus, die Gesundheit der Beschäftigten und ihrer Familien steht auf dem Spiel.

Das hört sich brutal an. Nun ist zwei Wochen Schluss damit?

AMAIA: Das werden wir sehen. Vorläufig schon. Aus meiner Sicht ist der Zusammenhang zwischen Infektion und industrieller Produktion eindeutig. Wer sich die Zahlen aus dem Großraum Bilbao anschaut, stellt ohne Probleme fest, dass der Industriegürtel um Bilbao deutlich stärker infiziert wird als ländliche Gebiete. In Gasteiz spielte der böse Zufall eine Rolle, dass ausgerechnet eine Krankenschwester den Virus eingeschleppt hat, und direkt ins städtische Krankenhaus. Dann noch eine Beerdigung, die zur Verbreitung weit über die Stadt hinaus geführt hat. Aber in Bizkaia sind es eindeutig die Ballungsgebiete, die verbliebenen Industriezentren, die besonders viele Corona-Fälle aufweisen. Schau dir die Landkarte an, es ist ein roter Faden, der durch die Orte geht: Santurtzi, Portugalete, Sestao, Barakaldo, Bilbao, Basauri, Galdakao am südlichen Nervión-Ufer, und dann wieder zurück an die Küste, Leioa, Erandio, Getxo. Das ist kein Zufall. Ein Ballungsraum mit mehr als einer Million Menschen.

Dieser Virus hat also einen industriellen Charakter und konzentriert sich auf Massen.

AMAIA: Für mich eindeutig. Wenn uns ein Meter fünfzig Abstand vorgeschrieben wird, warum sollte das in der Fabrik nicht gelten? An der Küste oder im Hochland von Araba gibt es deutlich weniger Fälle. Ich bin keine Soziologin, aber die Beobachtung sticht förmlich ins Auge. Industrielle Menschenmassen helfen bei der Verbreitung des Virus, insofern war die Maßnahme der Sanchez-Regierung absolut richtig. Sie kam nur leider zwei, drei Wochen zu spät. In Italien ist dieser Umstand übrigens schon untersucht worden, ich habe eine Darstellung mit zwei Landkarten gesehen: auf einer war die Häufigkeit der Corona-Fälle mit roter Farbe markiert, auf der anderen die Industrietätigkeit. Im Vergleich waren die roten Flecken auf beiden Karten nahezu identisch. Wahrscheinlich gibt es in Bizkaia noch nicht genügend Infizierte und Tote, um eine ähnliche Studie anzustellen.

Kennst du persönlich Fälle von Covid-Infizierung?

AMAIA: Boris Johnson, Prinz Charles und die Frau von Sanchez! Nein, Spaß beiseite! Seltsamerweise kenne ich niemand, obwohl ich als Kneipenangestellte ziemlich viele Leute kenne und über Whatsapp gut vernetzt bin. Allein am Internationalen Frauentag am 8. März waren wir zu Tausenden auf der Straße, das war nur eine Woche vor dem Beginn der Ausgangssperre. Wahrscheinlich ein Fehler. In Madrid haben sich viele bei diesen Demos angesteckt, auch einige Politikerinnen. In meinem Umfeld kennt niemand ein Opfer des Coronavirus. Meine Erklärung ist, dass ich nur wenig Kontakt hatte mit den sogenannten Risikogruppen, das heißt mit Ärzten, Alten- und Krankenpflegerinnen, oder mit anderen Multiplikatoren des Virus. Im Barrio haben wir bis zwei Tage vor der Ausgangssperre ein ganz normales Leben geführt, in Kneipen, mit Küssen und körperlichem Kontakt.

Gibt es noch sowas wie kulturelles oder politisches Leben?

AMAIA: Extrem wenig. Alle politischen Projekte und Mobilisierungen der kommenden Wochen mussten abgesagt werden. Politische Aktivität findet praktisch nur noch vom Fenster oder vom Balkon aus statt. Jeden Abend um acht Uhr gibt es Beifall für das Pflegepersonal. Zu den Ansprachen des spanischen Königs und des baskischen Ministerpräsidenten gab es Töpfeschlagen …

… gegen das korrupte Königshaus ist das nachvollziehbar, aber gegen euren Ministerpräsidenten?

AMAIA: Was am Samstag (28.3.) in Madrid beschlossen wurde, der industrielle Stillstand, das haben die baskischen Gewerkschaften schon länger gefordert, alles, was nicht dazu dient, die Pandemie zu bekämpfen, soll stillgelegt werden. Um Menschenansammlungen zu vermeiden und die Gesundheit der Beschäftigten nicht zu gefährden. Unser Präsi dagegen spricht davon, ein “wirtschaftliches Koma“ zu verhindern, er warnt “vor einer Stunde Null“ und so weiter. Das ist Katastrophismus, es ist Populismus und exakt die Arbeitgeber-Position. Dabei haben Großbetriebe wie VW in Pamplona und Daimler oder Michelin in Gasteiz bereits geschlossen. Hier geht es um Seuchenbekämpfung und wir haben allen Grund, auch die bisherige Praxis der baskischen Regierung zu kritisieren.

Und das kulturelle Leben?

AMAIA: Kultur ist so geschlossen wie Museen, Theater, Kinos, Konzertsäle und Kneipen. Übrig sind nur ein paar Nischen über Internet und soziale Medien. Ein paar baskische Musiker*innen stellen über Internet ihre neuen Arbeiten vor, das öffentliche Fernsehen macht kostenlos Werbung dafür. Der bekannte Fermin Muguruza hat seine Dokumentar-Filme öffentlich zum Anschauen ausgestellt. Daneben hat sich eine Volkskultur etabliert, auf den Balkonen kleine Konzerte zu machen, gemeinsam zu singen oder Videos an die Wand zu projizieren. Aber das geht nur zwischen den großen Wohnblocks, wo sich viele Menschen sehen, manche haben nur einen Hinterhof oder schauen auf die Straße, die kommen nicht in den Genuss. Ich zum Beispiel schaue auf die Straße, sehe aber keine Nachbarinnen.

Du siehst, es gibt noch kleine Highlights. Insgesamt wird es den Kulturbereich sicher schlimm treffen, die vielen kleinen Musik- und Theater-Gruppen, die auch unter normalen Umständen immer am Rande der Existenz leben. Die kriegen keine Ausfallzahlungen wie die großen Wirtschaftsbetriebe. Was aus den vielen Sommer-Fiestas wird, das müssen wir abwarten, auch da sehe ich dunkle Wolken auf uns zukommen.

Was sind die Folgen für die Arbeit im Kulturverein BASKALE?

AMAIA: Nun, alle öffentlichen Veranstaltungen, die wir organsiert hatten oder an denen wir beteiligt waren, sind abgesagt. Solange die Viruskrise andauert bleibt es dabei. Wir hatten eine öffentliche Lesung zum Todestag eines linken Aktivisten in Planung, verschiedene Vorträge und Besuche. Unter anderem waren an der Vorbereitung einer Tagung beteiligt über die Folgen des Massentourismus in unseren Nachbarschaften …

… Massentourismus hört sich an wie ein Relikt aus einer anderen Epoche!

AMAIA: Stimmt! In den letzten Jahren ist der Kampf gegen Gentrifizierung und Massentourismus zu einem wesentlichen Teil unseres politischen Alltags geworden. Was wir nicht geschafft haben – ich meine, Tourismus und Gentrifizierung zu bremsen – das hat das Coronavirus in einem Monat geschafft. Das ist bitter. Es ist surrealistisch, wenn ich auf die Straße gehe und keinen einzigen Touristen mehr zu Augen bekomme, gerade jetzt vor Ostern müssten sie zu Zehntausenden hier einfallen.

Für das Wochenende, an dem der Alarmzustand begann, hatten wir eine zweitägige Tagung geplant, um die Folgen von Massentourismus zu analysieren, insbesondere auf dem Wohnungsmarkt. Dafür hatten wir Leute aus Barcelona und Madrid eingeladen, am zweiten Tag sollte es ein Treffen von Nachbarschafts-Vereinen und Basis-Initiativen aus Bilbao geben, um gemeinsame Interessen zu suchen und Strategien zu entwickeln.

Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben …

AMAIA: Richtig. Der Tourismus wird wiederkommen, das ist nur eine Frage der Zeit. Dann werden wir unsere Themen wieder aufnehmen, wir müssen sie wieder aufnehmen, und der Tagung eine zweite Chance geben. Ansonsten bekommen wir auch bei BASKALE die Folgen der Krise deutlich zu spüren. Ein Teil unserer Arbeit besteht in der Begleitung von Bildungsreisen, wir werden regelmäßig zu Vorträgen oder Tagungen eingeladen. Das fällt nun bis auf Weiteres komplett weg. So wie der Massentourismus hat sich auch der alternative Tourismus verabschiedet, alle Vereinbarungen wurden abgesagt. Für uns bedeutet das mehr Zeit für Schreibtischarbeit, dafür geht uns ein Teil der finanziellen Grundlage für unsere Arbeit verloren. Denn mit den Einnahmen aus diesen Begleit-Aktivitäten finanzieren wir andere Projekte, die Geld kosten, aber außer Anerkennung nichts einbringen. Die Virus-Krise trifft uns schon in unserer Arbeit.

Was könnte noch passieren, wenn sich die Pandemie im Baskenland nicht unter Kontrolle bringen lässt?

AMAIA: Nun, ich bin nicht gerade eine Expertin für die spanische Gesetzgebung und Verfassung. Im Baskenland liegen jedenfalls keine Kompetenzen für weitere Maßnahmen. Das ist spanische Angelegenheit. Was wir momentan haben ist der sogenannte Alarmzustand, eine Ausgangssperre mit Ausnahmen, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Schließung aller Läden und der Gastronomie. Seuchenbekämpfung und Naturkatastrophen. In dieser Situation sind zwar zivile Rechte, aber keine Grundrechte eingeschränkt.

Als weitere Einschränkungen gibt es in der Verfassung noch den Ausnahme- und den Belagerungszustand. Manche sprechen auch heute schon von Ausnahmezustand, das ist vom Begriff her nicht korrekt. Ausnahme-Zustand ist eine Art von Notstand, wenn wichtige Funktionen des Staates als bedroht angesehen werden. Dabei wird eine ganze Reihe von Grundrechten außer Kraft gesetzt. Der Belagerungszustand ist die militärische Option für den sogenannten “Verteidigungsfall“, dann sind nicht nur Bürgerrechte, sondern auch die Kompetenzen der Regierung betroffen.

Was uns auch Sorgen macht ist die spanische Besessenheit mit dem Militär. Es wäre ja gerade noch hinnehmbar, wenn die Desinfektions-Trupps der Armee Bahnhöfe und Flughäfen sauber machen. Aber in Navarra wurden auch schon Panzer aufgefahren, dass ist völlig unsinnig, es ist der Ausdruck dieser totalitären Mentalität. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Postfranquisten, Ultrarechte und Vox-Sympathisanten sich in der spanischen Armee so rumtreiben …

Was bedeutet die Pandemie für die Zukunft Bilbaos?

AMAIA: Mittelfristig wird sich die wirtschaftliche Situation sicher wieder in alte Bahnen leiten lassen. Die Frage ist, wie viele Geschäfte auf der Strecke bleiben. Die Großen in jedem Bereich haben mehr Chancen als die Kleinen. Egal ob Industrie, Handel oder was auch immer. Die Hotelketten werden versuchen, ihre Verluste mit Hilfe von Subventionen und Lohnzuschüssen abzumildern, die kleinen Unterkünfte haben es schwerer. In diesem Bereich sehe ich einen Konzentrations-Prozess kommen. Auch wenn der Virus besiegt ist und die Schutzmaßnahmen aufgehoben werden, wird es eine Weile dauern, bis der Tourismus in der vorherigen Masse wieder die Straßen überfüllt. Die Hotels werden jetzt mit Gesundheitspersonal und mit Kranken gefüllt, die verdienen also weiter. Aber all jene, die auf private Vermietung über Airbnb gesetzt haben, nehmen mittelfristig keinen Cent mehr ein – ich sage das nicht ohne Genugtuung!

Du hast kein Mitleid mit den Trittbrettfahrern?

AMAIA: Nicht im Geringsten! Diese Tourismus-Vermieter haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Mietpreise dramatisch gestiegen sind und es in der Altstadt für die Einheimischen keinen Markt an Mietwohnungen mehr gibt. Sie sind verantwortlich für die deutliche Verschlechterung der Wohn- und Lebenssituation, für die Airbnb-Partys, auf ihre Karte geht, dass einige Leute bereits ihre Wohnungen verkauft haben und die Altstadt verlassen, um endlich wieder schlafen zu können und ein normales Leben zu führen. Also von wegen Mitleid!

Wie sind die Perspektiven für das Jahr 2020?

AMAIA: Ich kann mich natürlich täuschen, aber für mich ist dieses Jahr 2020 schon abgehakt. Die Betriebe, Läden und Kneipen werden wieder aufmachen, aber es wird dauern, bis der gewohnte Alltag wieder in die Gänge kommt. Der Sommertourismus wird nur schleppend anlaufen, wenn überhaupt. Die Fiesta-Saison wird dieses Jahr ausfallen, denn Fiesta bedeutet Massen und das gilt es zu vermeiden, auch wenn die Krise für beendet erklärt wird. Denn für eine gewisse Zeit – keine Ahnung wie lange, das ist ein Thema für die Epidemiologie – wird es die Gefahr eines Wiederaufflammens der Krankheit geben. Wir müssen doch nur nach China schauen, was es dort trotz dem Ende der kritischen Phase der Pandemie noch für Einschränkungen gibt. Von China lernen, sage ich in dieser Hinsicht …

Schwer vorstellbar: ein Baskenland ohne Jaiak, ohne Fiestas …

AMAIA: Das wird bitter für uns alle. Denn damit fällt ein wichtiger Teil unserer Kultur ins Wasser, das ist mehr als nur Konzerte umsonst und Bier oder Kalimotxos trinken. Das ist gemeinsames Arbeiten und Erleben, Singen und Feiern. Für die Kollektive, die von den Einnahmen der Fiestas leben – das sind enorm viele, in Städten und Dörfern – wird es ein großer Verlust werden. Die sozialen Bewegungen leben von den Fiestas. Die weltberühmten San-Fermin-Fiesta in Iruñea-Pamplona sind bereits jetzt in Frage gestellt. Momentan ist von einer möglichen Verschiebung die Rede, aber bis wann denn bitte schön? Auf August, Oktober, oder Dezember? Das ist Unsinn. Gerade diese Pamplona-Fiesta richtet sich ja nicht nur an die Bevölkerung, sondern an ein weltweites Publikum. Das ist im gewohnten Rahmen unrealistisch, da macht sich doch niemand aus Australien auf, um einen Besuch zu machen in einer Region, die weltweit mit am stärksten von Coronavirus betroffen war. Was sich momentan in Spanien abspielt ist nicht nur tragisch, es wird auch ein Makel sein für die Zukunft: die viertmeisten Coronavirus-Fälle! Das prägt sich ein und wird seine Auswirkungen haben. Auch in Bilbao sehe ich für dieses Jahr keine Fiesta, so leid es mir tut. Das Risiko ist zu groß.

Bilbao sollte in diesem Jahr den spanischen Teil der Fußball-Europa-Meisterschaft beherbergen. Bei BASKULTUR.INFO wollten wir nach Ostern damit beginnen, über den Konflikt über diesen Großevent zu beginnen.

AMAIA: Die Eurocopa ist ebenfalls abgesagt, oder fürs erste auf 2021 verschoben. Noch so ein Monsterthema. Erst mal sind wir froh, dass dieser Kelch an uns vorbeigegangen ist. Drei oder vier Spiele der verhassten spanischen Auswahl im Herzen des Baskenlandes, keine Ahnung, was die Regierungspartei sich dabei gedacht hat. Mit all den anti-baskischen und ultranationalistischen spanischen Fans. Vor allem für die baskische Fußballgemeinde war es der Gipfel des schlechten Geschmacks. Die haben zusammen mit der baskischen Linken die Legalisierung eines baskischen Auswahl-Teams gefordert. Meine Kritik an der Fußballkultur geht weiter, ein solcher Mammutakt mit Besuchern aus halb Europa vergiftet das Leben insgesamt, Fußballfans verhalten sich in der Regel noch schlimmer als Massentouristen: immer Alkohol, Party und Prügelei. Manche nennen das Kultur, in Wirklichkeit ist ein riesiges Geschäft, ich nenne es einen patriarchalen Exzess.

… der nun nicht stattfindet!

AMAIA: Letztendlich ist es ein Pyrrhus-Sieg. Er wurde nicht erreicht mit unseren Argumenten, sondern über eine weltweite tödliche Bedrohung. Vielleicht können wir nun die Zeit nutzen, unsere Argumente gegen dieses Spektakel neu aufzustellen, falls es tatsächlich in derselben Form im nächsten Jahr wiederholt werden sollte. Diese Eurocopa war außerdem nur die Spitze des Eisbergs. Eine ganze Reihe mehr an Großevents ist bereits abgesagt, die Liga, die Champions-League, die Olympischen Spiele …

… und das spanische Fußball-Pokalfinale zwischen zwei baskischen Teams, so widersprüchlich das klingen mag …

AMAIA: Auch das steht in den Sternen, das ist echtes baskisches Schicksal, es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass ausgerechnet zwei Teams aus San Sebastian und Bilbao ins Finale kommen. Aber im Baskenland sind wir es gewohnt, zu den Verlieren zu gehören, wir bestimmen nicht über unser Land, unsere Kultur und Sprache, auch im Krieg vor 80 Jahren waren wir sozusagen auf der falschen Seite. Da stecken wir auch diesen sportlichen Rückschlag weg, schneller als alle anderen.

Wie kommst du persönlich mit der Situation klar?

AMAIA: Ausgesprochen gut, muss ich zugeben. Ich habe das Glück, nicht allein zu leben. Das heißt, das Leben in der WG ist wie immer. Mit dem Unterschied, dass wir deutlich mehr Zeit daheim verbringen. Wir machen Arbeiten, die sonst oft länger liegen bleiben. Ich denke, diese Situation des Eingesperrt-Seins trifft uns alle sehr unterschiedlich. Ich verarbeite das mit meinem Intellekt – anderen fällt die Decke auf den Kopf, wenn sie zwei Tage nicht in ihre Stammkneipe kommen, wenn es keinen Fußball gibt oder wenn sie nicht wissen, wo sie ihr Kokain oder Marihuana besorgen sollen. Besonders hart ist es für alle, die auf der Straße leben oder arbeiten, Leute, die Müll sammeln, oder um Spenden bitten. Die verschwinden genau wie ich von der Straße, aber sie verlieren ihre Einkommensquelle, ich jedoch nicht. Ich vermisse meinen Auslauf, jeden Tag zehn Kilometer zu gehen, meine regelmäßigen Bergausflüge. Trotzdem denke ich, dass ich innerhalb des geschundenen Panoramas noch eine Privilegierte bin.

Schönen Dank für das Interview, Amaia, vor allem, dass du uns bei dir zu Hause empfangen hast, was in diesen Zeiten weder erlaubt noch üblich ist!

AMAIA: Keine Ursache, wir haben ja immerhin den Sicherheitsabstand gewahrt! Wir sollten keine Gelegenheit auslassen, unsere Erfahrungen und Sorgen unter die Leute zu bringen. Lass mich noch die Gegenfrage stellen: Wie macht sich das Virus bei eurer Arbeit im BASKULTUR-Portal bemerkbar?

Danke für den Querpass! Das gibt es gar nicht viel zu erzählen. Als Redakteure und Schreiberinnen hatten wir noch nie so viel Zeit, unsere Seiten mit Inhalt zu füllen. Wir aktualisieren ständig unsere Information zur Virus-Entwicklung im Baskenland und im Staat. Gerne würden wir auch andere Inhalte vermitteln, aber wir müssen feststellen, das liest kaum mehr jemand, unsere Corona-Kolumnen hingegen werden fleißig konsumiert. Eine redaktionelle Anekdote: Wir hatten gerade einen Artikel fertig über die illegalen Vermietungen von Privatwohnungen an Touristen und die empfindlichen Strafen, die die baskische Regierung deshalb nun verteilt. Plötzlich ging der Corona-Wahnsinn los, der Artikel blieb liegen. Irgendwann setzten wir ihn ins Netz – doch bleibt er weitgehend ungelesen. Was sollte es auch, gerade jetzt über Tourismus zu berichten, wo sich keine reisende Menschenseele mehr auf der Straße herumtreibt.

AMAIA: Ich danke euch ebenfalls für die Auskunft!

(Das Interview führte Klaus Armbruster von der Redaktion Baskultur.info)

 

CORONAVIRUS IM BASKENLAND

Das baskisch-deutsche Webportal BASKULTUR.INFO informiert über die aktuellen Ereignisse im Baskenland im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie. Im Mittelpunkt stehen baskische Entwicklungen und das dortige Krisenmanagement, zuletzt auch die Folgen der “Einstellung aller nicht essenziellen wirtschaftlichen Aktivitäten“ im gesamten spanischen Staat.

Die Berichte bei BASKULTUR.INFO werden zwei Mal täglich aktualisiert, im BASKINFO-Blog erscheinen über die Virus-Krise hinausgehende Artikel auf Deutsch, Baskisch, Spanisch und Englisch. Alles ist zugänglich unter folgenden Links:

(5) Coronavirus – Fünfte Woche
(29.03.2020)
(LINK)

(4) Rückblick auf einen Monat C-19 im Baskenland
(28.03.2020)
(LINK)

(3) Coronavirus – Verlängerung
(22.03.2020)
(LINK)

(2) Coronavirus, Ausnahmezustand
(15.03.2020)
(
LINK)

(1) Coronavirus a la Vasca
(10.03.2020)

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